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Freistellung und Gravamina 329
rung, daß der Religionsfrieden durch ihren Antrag nicht aufgehoben werden
solle, dokumentiert seine Glosse „parant“.
Die katholischen Stände, denen der Kaiser die Eingabe der Protestanten zur
Kenntnisnahme zustellen ließ, reichten eine längere Stellungnahme dazu ein. Sie
brachte ihr Befremden über den Antrag, der nur zur „zerruttung“ des Religi-
onsfriedens führen könne, zum Ausdruck, wies die abfälligen Äußerungen über
die katholische Religion zurück und gipfelte in der Bitte an den Kaiser, sich
„keineswegs“ dazu bewegen zu lassen, jene Konstitution aufzuheben67.
Indessen bedurfte Ferdinand in diesem Falle keiner Argumentationshilfen
oder Ermahnungen zur Standhaftigkeit. Seine den Protestanten am 13. Juni
1559 erteilte Resolution68 suchte gar nicht zu verbergen, daß er sich persönlich
und als Kaiser herausgefordert fühlte. Auf die ihm ja längst bekannten Thesen
über die Sonderstellung des Geistlichen Vorbehalts im Religionsfrieden und die
eingestreuten Anzüglichkeiten ging er im einzelnen gar nicht ein; dazu verwies
er auf seine einschlägigen Verlautbarungen während des Regensburger Reichs-
tages. Der einleitende Satz, er würde den Ständen nicht gern etwas abschlagen,
wenn er die Bewilligung verantworten könne, sollte nur die Härte der nachfol-
genden Ablehnung etwas verbrämen. Es handele sich, fuhr Ferdinand sogleich
fort, um eine Sache, die neben den katholischen Ständen ihn selbst als Kaiser
und in seinem Gewissen betreffe, denn sie rühre an die Substanz der katholi-
schen Religion. Und dann folgte ein Bekenntnis, knapper zwar als jenes, das
sein Bruder vor 38 Jahren in Worms abgelegt hatte, aber nicht weniger eindeu-
tig. Bei dieser Religion, in der er geboren und getauft worden sei, die er von
seinen Eltern und Vorfahren gelernt habe, die jahrhundertelang im Deutschen
Reich tradiert worden sei und dessen Ehre und Reputation mitbegründet habe,
wolle er „unangesehen ob und was Ihr Majest. für Widerwärtigkeiten darob
zustehen möchten, beständiglich biß in ihre Grub verharren“. Aus Rücksicht
auf sein Gewissen sei ihm jene Konzession nicht zuzumuten, denn das würde
bedeuten, daß er seine eigene Religion „für ein Abgöttery und für eine solche
Religion, die dem heilseligmachenden Wort Gottes zuwider und dadurch alle
Christliche Reformation und Einigkeit des Glaubens, auch alle Glück und Heyl
verhindert würde, dargeben und verdammeten“69. Das war eine deutliche Zu-
rückweisung der auf gläubige Katholiken so anmaßend wirkenden Behauptung
der Protestanten, durch den Geistlichen Vorbehalt werde vielen Seelen der Weg
zum Evangelium und zum Heil versperrt. Ferdinand bekräftigte seine frühere
Aussage, er würde, wenn die Dinge noch so lägen wie 1555 vor der Entschei-
dung, sich ebenso verhalten wie damals. Als neues Argument fügte er hinzu,
auch seine neue Obligation, die er auf Ersuchen der Kurfürsten beschworen
habe, gestatte ihm keine andere Haltung70. Er schloß mit der Aufforderung,
nachdem die Protestanten „sich vormals Ihrer Majest. nicht einzugreiffen noch
67 Ebda, fol 126r-131v (Präsentationsvermerk: 10.6.1559)
68 HHStA Wien, ebda, fol 18r-19v: Eigh. Entwurf Selds; ebda, fol 141r-142v: Reinkonzept. Ge-
druckt bei Lehmann 2, S. 154f; kurze Referate bei Bucholtz 7, S. 450 u. Heppe 1, S. 331
69 fol 18v/19r; Lehmann 2, S. 154 rechts
70 Die Passage ist in Selds Entwurf am Rand nachgetragen (fol 19v); es ist die einzige wesentliche
Ergänzung des Konzepts.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien