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KAPITEL 6
RELIGIÖSE EINTRACHT UND REFORM DER KIRCHE
Ferdinands Positionen während der Regierungszeit Karls V.
Die Bemühungen Ferdinands um die Wiederherstellung der Einheit des Glau-
bens im Reich sind gepaart mit ständigem Drängen nach einer generellen Kir-
chenreform. So sehr er zeitlebens in der römisch-katholischen Kirche die göttli-
che Stiftung zur Gewährleistung des Heils für die Menschen anerkannte, so
wenig war er blind für Mängel im kirchlichen Alltag seiner Zeit sowie im Er-
scheinungsbild des Klerus und sah es als Aufgabe der geistlichen und der weltli-
chen Obrigkeit an, für die Abstellung der Ärgernis erregenden Mißstände Sorge
zu tragen1. Bis zum Ende seines Lebens vertrat er ebenso die Ansicht, daß Papst
und Kaiser in den Angelegenheiten der Religion Anspruch auf Gehorsam hät-
ten: „Dan ainmal wiessen wir wol, das der khirchen, dem bapst und dem khai-
ser als von gott gesetzten oberkhaitten inn weltlichen und gaistlichen dingen, so
viel es wider gottes gepott nit ist, die gehorsam zue laysten“2. Es entsprach die-
ser Auffassung, wenn er in seinem Herrschaftsbereich mehrmals Anstöße zu
Verbesserungen beim Ordens- und Pfarrklerus gab, die jedoch von den zustän-
digen Bischöfen als Eingriffe in ihre Kompetenzen aufgefaßt wurden und auf
ihre Abwehr stießen. Andererseits war er keineswegs gesonnen, Änderungen in
Verkündigung und Gottesdienstwesen, wie sie von zur neuen Lehre neigenden
Ständen seiner Länder gefordert wurden, ohne Billigung der kirchlichen Instan-
zen zuzulassen, auch dann nicht, wenn er einzelne Zugeständnisse für sachlich
vertretbar hielt3. Sein Verhalten zeigt insofern eine gewisse Ambivalenz, als er
in seinen Erblanden den neuen religiösen Lehren lange Zeit mit rigoroser Re-
pression begegnete, während er auf Reichsebene schon früher für eine flexiblere
Politik eintrat4. Als ein Grund dafür ist die ständige Sorge Ferdinands vor neu-
en türkischen Angriffen in Rechnung zu stellen, die ihn für Konzessionen an
die Protestanten im Reich eintreten ließ, welche er den Ständen seiner Länder
sehr lange verweigerte, obwohl er auf deren Hilfe nicht weniger angewiesen war
als auf die der Reichsstände.
1 Deutlich zum Ausdruck gebracht in seinem sehr persönlich gehaltenen religiösen Mahnschrei-
ben an Herzog Wilhelm von Jülich-Kleve vom 1.1.1563 (ediert von Laubach, Mahnschreiben,
hier S. 108).
2 Ebda, fol 4r bzw. S. 104
3 Vgl. z.B. seine Antwort (v. 13.12.1542) auf eine Anfrage des Bischofs von Passau zur Priesterehe
in ARC 4, S. 337
4 Die Wiener Dissertation von Bergmann über Ferdinands Religionspolitik leidet einerseits unter
der unglücklichen Zielsetzung, „den augenscheinlichen Widerspruch im Handeln Ferdinands“
widerlegen oder beweisen zu müssen, daß es mit seiner „aufrechten kirchlichen Gesinnung...
nicht weit her“ gewesen sei (S. 3), andererseits an erheblichen Lücken in der Quellen- und Lite-
raturnutzung.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien