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Kapitel 6: Religiöse Eintracht und Reform der
Kirche360
Eine Darstellung der Maßnahmen Ferdinands in seinen Erblanden ist hier
nicht beabsichtigt. Es geht nur darum, seine Vorstellungen, was zur Reform der
Kirche gehörte, herauszufiltern, um erkennen zu können, wie weit sie sich mit
dem decken, was er als Kaiser von Papst und Konzil erwartet bzw. anzustoßen
versucht hat. Und es soll durch diesen Griff in die Vorgeschichte die Bereit-
schaft und Flexibilität Ferdinands verdeutlicht werden, immer wieder andere
Wege zu erproben, um dem Ziel, Wiederherstellung der Christianitas catholica,
näher zu kommen. An die von ihm getroffenen Anordnungen, welche die evan-
gelischen Lehren von seinen Ländern fernhalten bzw. sie dort unterdrücken
sollten, sowie an seine Maßnahmen, die zur Festigung des katholischen Glau-
bens dienen sollten, sei hier lediglich erinnert – genannt seien Visitationen, die
Reform der Wiener Universität, später auch die Berufung und Förderung der
Jesuiten5. Seine Bemühungen zur Aktivierung der kirchlichen Instanzen für die
„ordentliche“ Reform der Kirche und sein Anteil an den Versuchen Karls V.,
die Glaubensspaltung im Reich auf friedlichen Wegen zu überwinden, sollen
aber skizziert werden, damit sein Handeln vor und nach dem Augsburger Reli-
gionsfrieden nicht unzulässig isoliert bleibt. Im Blick auf die Reichsebene ist zu
berücksichtigen, daß Ferdinand sich an den Vorgaben des Kaisers, sofern sie
bestanden, orientieren mußte, so daß es nur um deutlich oder wahrscheinlich
von ihm ausgehende Anstöße oder gesetzte Akzente gehen kann.
Die Auffassung Ferdinands, als Inhaber der weltlichen Obrigkeit für Refor-
men der Kirche mitverantwortlich zu sein, entspricht der Ansicht des Erasmus
von Rotterdam6. Es wäre eine wichtige Aufgabe für eine Biographie Ferdinands
zu untersuchen, welche längerfristigen Wirkungen der Gedankenwelt des gro-
ßen Humanisten bei dem Habsburger feststellbar sind7. Das kann hier nicht
geleistet werden. Bekanntlich hatte Erasmus es abgelehnt, selbst Erzieher des
aus Spanien in die Niederlande „verschickten“ jungen Erzherzogs zu werden,
aber er behauptete, Ferdinand habe seine „Institutio principis christiani“
mehrmals gelesen8, und widmete ihm von seinen Paraphrasen der vier Evangeli-
en die des Johannesevangeliums – eine besondere Auszeichnung, denn die ande-
ren so Geehrten waren die drei mächtigsten Fürsten des Abendlandes, Karl V.,
Franz I. und Heinrich VIII9. Gesichert ist, daß Ferdinand den berühmten Ge-
lehrten gern in seine nähere Umgebung gezogen hätte; dazu ist die These zur
Diskussion gestellt worden, die angestrebte engere Verbindung sei dem Kalkül
entsprossen, die eigene Religionspolitik durch dessen Autorität gerechtfertigt
erscheinen zu lassen10. Obwohl Erasmus sich jenem Wunsch versagte, ließ ihm
5 Zu Ferdinands Religionspolitik in seinen Erblanden sei verwiesen auf die Arbeiten von Loserth,
Eder, Mecenseffy und Tomek. Zur Reform der Universität Wien vgl. Goldmann, S. 20–30 und
die Dissertation von Oman. Zur Förderung der Jesuiten: Duhr 1, S. 46ff. und 73ff, Tomek 2, S.
302ff
6 Vgl. Stupperich, S. 27–29; Wandruszka, Haus, S. 108
7 Die Biographie von Paula Sutter Fichtner bietet hierzu nichts. Die Dissertation von Eberdorfer
hat davor kapituliert.
8 Eckert 1, S. 175f
9 Vgl. Eckert 1, S. 248; in seinem „Liber de sarcienda ecclesiae concordia“ von 1533 mahnte Eras-
mus abschließend eben diese vier Fürsten, als Schützer der Kirche zu handeln (ebda 2, S. 406).
10 Eberdorfer, S. 246
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien