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Ferdinands Positionen während der Regierungszeit Karls V. 361
Ferdinand eine gewisse Fürsorge angedeihen, und von seinen engen Beratern
der ersten beiden Jahrzehnte standen Cles und Fabri im Gedankenaustausch
mit Erasmus11. Auch später gehörten mehrere von dem Rotterdamer beein-
flußte Personen zum engeren oder weiteren Beraterkreis des Königs. Eine Pa-
rallele zwischen Erasmus und Ferdinand ist insofern gegeben, als ihn wie den
großen Humanisten „nur“ die Reformen des praktischen und disziplinären
Bereichs interessiert haben, nicht aber die dogmatischen Fragen. Die Lehrauto-
rität der Kirche hat Ferdinand niemals in Zweifel gezogen. Reform der Predigt,
sittlicher Lebenswandel der Kleriker, Restitution der Klosterzucht, Begrenzung
der Ansprüche der kirchlichen Instanzen gegenüber den weltlichen Autoritäten,
darin sah er die eigentliche Aufgabe; Konzessionen in Fragen des positiven
Kirchenrechts wie Laienkelch und Lockerung des Priesterzölibats erschienen
ihm um der Einheit der Kirche willen und auch aus anderen politischen Überle-
gungen heraus tragbar, obwohl er von der Richtigkeit der von der römischen
Kirche geübten Praxis überzeugt war12.
In einem Schreiben an den böhmischen Adligen Pernstein, das schon
Bucholtz als „nicht unwichtigen Beitrag“ zu Ferdinands Ansichten über die
Behandlung der Religionsangelegenheiten bewertet hat, hat der König sein
Verhalten damit gerechtfertigt, durch die Heilige Schrift zu strengem Vorgehen
gegen Sekten verpflichtet zu sein – das täten übrigens auch Lutheraner und
Zwinglianer –, und die These zurückgewiesen, wegen der gegen die „vornehm-
sten Verführer“ verhängten Todesurteile (vermutlich gegen Täufer) viele Un-
glücksfälle erlitten zu haben; vielmehr habe Gott ihm „Gesundheit und unge-
schwächte Kräfte gegeben, da wir in 22 Jahren nie so viel Krankheit empfunden
haben, daß wir dadurch eine Stunde ans Bett gefesselt worden wären“, und als
weitere Beweise, daß Gottes Segen auf seiner Tätigkeit ruhe, führte er sein
glückliches Familienleben, die Zuneigung seines kaiserlichen Bruders und den
Erwerb der römischen, böhmischen und ungarischen Krone sowie das zweima-
lige Zurückweichen der Türken an13. Bemerkenswert ist an dieser Äußerung die
schlichte Ableitung göttlicher Billigung seines Handelns aus dem persönlichen
Wohlergehen und etlichen politischen Erfolgen.
Letztlich zuständige Instanz für alle Änderungen im Bereich der Religion
blieb für Ferdinand wie für Karl V. stets das Generalkonzil. Auch in dem
Schreiben an Pernstein erklärt Ferdinand, Änderungen in Kirchenbräuchen
könne er ohne Konzil nicht gestatten und darum keine Ausdehnung der com-
munio sub utraque über Böhmen hinaus erlauben. Die schon früh gewonnene
Erfahrung aber, daß die Kurie in Rom die Reform „in capite et membris“ viel
mehr bremste als vorantrieb und auch das für unumgänglich gehaltene General-
konzil verschleppte, evozierte bei ihm das Suchen nach Ersatzlösungen. Infol-
gedessen tauchte bei ihm bzw. in seinem Umkreis der Gedanke auf, durch ver-
söhnliche Gespräche zwischen interessierten und kompetenten politisch Ver-
11 Zu Cles vgl. Rill, Humanismus, S. 575; zu Fabri die Arbeiten von Radey und Eberdorfer.
12 Das zeigt wiederum sein Mahnschreiben an den Herzog von Kleve (wie Anm. 1).
13 Undatiert, nach dem 2.12.1539. Ediert in Archiv öeský 20, S. 88–96; vorher teilweise in Über-
setzung mitgeteilt von Bucholtz 4, S. 456–460, das Zitat S. 458 (bzw s. 94); vgl. Dillon, S. 86ff;
Eberhard, S. 318ff; Bahlcke, S. 57f.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien