Seite - 366 - in Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
Bild der Seite - 366 -
Text der Seite - 366 -
Kapitel 6: Religiöse Eintracht und Reform der
Kirche366
mierern“ würde, und Gott werde dann Gnade zur Wiedererlangung der christ-
lichen Einigkeit geben. Hart und deutlich nannte der König als Ursache für die
Glaubensspaltung: „dieweil die yez swebenden scismata irrsal und kezereyen
iren fuess und ursprung fürnemlich aus den eingedrungenen abusus und mis-
breuch genomen“45. Das war eine Einschätzung, die Nausea in etlichen Publi-
kationen zu Beginn der vierziger Jahre ebenfalls vertreten hat46. Es folgte ein
umfangreicher Katalog, in dem einzelne Mißstände in Klöstern und bei der
Ausübung des Priesteramtes, unsittlicher Lebenswandel mancher Kleriker,
Mängel in der Ausbildung der Prediger, Entfremdung von Pfründen und ande-
res mehr gerügt und eine strengere Handhabung der kanonischen Sanktionen
verlangt wurden47. Die Liste war von der oberösterreichischen Regierung in
Innsbruck unter maßgeblicher Beteiligung von Ferdinands dortigem Hofpredi-
ger Dr. Gallus Müller48 erarbeitet und unverändert in die Instruktion über-
nommen worden.
In nuce fanden sich hier Überlegungen, die zehn Jahre später im Augsburger
Interim und der „Formula reformationis“ ausgeführt worden sind. Das Echo
der Synode darauf war nicht allzu positiv. Zwar wurde die Berechtigung einiger
Punkte anerkannt, aber die dazu gefaßten Beschlüsse wurden nicht publiziert.
Die Synodalen sahen den Ansatzpunkt für Reformen primär in der Abstellung
der Beschwerden, die sie ihrerseits wegen Übergriffen der weltlichen Potentaten
hatten49. Aber auf Verhandlungen darüber ließ sich weder die königliche Ge-
sandtschaft ein noch nach dem Ende der Synode Ferdinand selber50.
Eine Ergänzung und Weiterführung der Überlegungen zur Kirchenreform
stellt ein im April 1538 erstattetes Gutachten der niederösterreichischen Regie-
rung dar51. Darin wurde herausgearbeitet, daß ein Konzil, das von den Prote-
stanten nicht besucht würde, unfruchtbar bleibe, weil dadurch die Spaltung
nicht beseitigt werde, auch nicht durch ihre Verurteilung in Abwesenheit –
Überlegungen, die Ferdinand überzeugt haben, denn sie sind eine wesentliche
Komponente seiner Konzilspolitik in den sechziger Jahren. Die Räte empfahlen
darum sicherzustellen, daß auch die weltlichen Fürsten Deutschlands am Kon-
zil teilnähmen, und bezeichneten schiedliche Vorverhandlungen über die weltli-
chen und geistlichen Kontroversen („Irrungen“) als nützlichen Weg dazu. Ihre
Vorschläge für Initiativen auf dem Konzil selbst orientierten sich an dem Be-
dürfnis, die erhoffte Einigung im Glauben praktisch umzusetzen: Das Konzil
müsse sich über eine eindeutige Bibelauslegung verständigen und solle dabei
nur die vier Kirchenväter Augustinus, Hieronymus, Ambrosius und Gregor
zugrundelegen. Wesentlich sei eine bessere und geregelte Ausbildung des Pfarr-
45 Ebda, S. 471, Z. 23–25
46 Vgl. Cardauns, Geschichte, S. 43f, sowie das bei Döllinger 3, S. 154–160 publizierte Gutachten
„De originali causa tot tantarumque per Germaniam haereseon et schismaton...“ aus dem Jahr
1543.
47 Ebda, S. 471–476; Referat bei Rosenberg, S. 31f.
48 Müller war Professor der Theologie in Tübingen gewesen; nach Einführung der Reformation in
Württemberg war er entlassen worden (ARC 2, S. 468 Anm. 134).
49 ARC 2, Nr. 89 (S. 388ff) u. Nr. 92 (S. 432ff)
50 Ebda, S. 321
51 Vom 14.4.1538. Druck ebda, (Nr. 135), S. 556ff, bes. S. 560ff
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien