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Kapitel 6: Religiöse Eintracht und Reform der
Kirche370
Dennoch hielt er weiterhin Verhandlungen über die Religionsfrage für richtig
und nötig, „es beschehe nun auf welchem weg es wölle“ und je eher desto bes-
ser, allerdings mit Zustimmung und Beteiligung des Papstes75. Im Verlauf seines
Besuches in den Niederlanden im Frühjahr 1540 dürfte Ferdinand wenigstens
teilweise in die Absichten des Kaisers eingeweiht worden sein; den Entschluß
Karls, alle Reichsstände zu einer formlosen Konferenz zu berufen76, dürfte er
danach gebilligt haben.
Die Leitung dieser Versammlung in Hagenau übertrug Karl V. seinem Bru-
der. Im Ausschreiben war keinerlei Bezug auf den Frankfurter Anstand ge-
nommen – das hatte den Vorteil, die Kurie zur Entsendung bevollmächtigter
Vertreter auffordern zu können77 –, auch die Vorgaben zur praktischen
Durchführung waren ignoriert, und der Beratungsgegenstand war mit „verglei-
chung der religionssachen“ sehr vage angegeben78. Die Führer des Schmalkaldi-
schen Bundes nutzten diese Unbestimmtheit sofort für die Feststellung, sie
könnten die Zusammenkunft dem König nur dann zumuten, wenn eine Ver-
gleichung „nach heyliger schrift und bestendiger christlicher apostolischer lere“
angestrebt werde; indem sie betonten, es gehe schließlich um Dinge, welche die
Ehre Gottes und das Seelenheil aller Menschen berührten, machten sie deutlich,
daß die Differenzen grundsätzlicher Natur waren79. Die Überlegungen Ferdi-
nands gingen dahin, an die Verhandlungen in den Religionsausschüssen des
Augsburger Reichstags anzuknüpfen. Das war mit dem Beichtvater des Kaisers
und Karl selbst erörtert worden80, auch Fabri war damit einverstanden81, so
sehr er davor warnte, irgendetwas ohne die Zustimmung Roms zuzugestehen.
Jener Plan ist dahin interpretiert worden, daß nach katholischer Ansicht die
Protestanten seinerzeit begonnen hatten, „die Richtigkeit der Beschwerden
gegen die Confessio Augustana anzuerkennen, jetzt wollte man sie noch weiter
auf den guten Weg bringen“82. Dem Nuntius Morone, der den Konvent grund-
sätzlich ablehnte, sagte Ferdinand einmal, man werde den Protestanten nur
Zugeständnisse machen, wenn sie dafür zur katholischen Kirche zurückkehr-
ten83.
75 ARC 3, S. 74–80: F. an K., Wien, 5.12.1539 (das Zitat S. 79). Auch in NB I 6, S.306–310; vgl.
Stupperich, S. 62
76 Bucholtz 4, S. 349f, meinte zu Unrecht, Ferdinand sei der Urheber gewesen. Zum Hagenauer
Konvent zuletzt Luttenberger, Glaubenseinheit, S. 206ff
77 So auch Rabe, Deutschland, S. 248
78 So in dem – bisher allein publizierten – Schreiben an die Protestanten (Kritischer Druck bei
Neuser, S. 86ff); zu Besonderheiten der Einladung an die Katholiken s. NB I 5, S. LXIX Anm. 6
79 Druck bei Neuser, S. 89ff; zu obigem bes. S. 90f.
80 Dazu Briefe F. an K. v. 28.5.1540 und K. an F. v. 9.6.1540 in NB I 6, S. 315f bzw. S. 319f; vgl.
Brandi, Karl V. Bd. 1, S. 364f
81 Stupperich, S. 66; Radey, S. 268. Fabri riet außerdem dazu, die Protestanten gegeneinander
auszuspielen (vgl. Cardauns, Geschichte, S. 17, Fabris Gutachten ebda, S. 131ff); er äußerte sich
später indigniert, daß man diesen Rat nicht befolgt hatte (ebda, S. 30).
82 Augustijn, S. 46
83 NB I 5, S. 431: Bericht Morones v. 15.6.1540
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien