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Kapitel 6: Religiöse Eintracht und Reform der
Kirche372
der im Oktober in Worms beginnen sollte; eine Konzession war, daß die Con-
fessio Augustana als Grundlage der Beratungen dienen sollte92.
Es ist bezeichnend für Ferdinands Interesse an der Einigung, daß er nach die-
sem Mißerfolg sogleich auf eine neue Alternative einging: Den ihm von Morone
als „Privatmann“ unterbreiteten Gedanken, eine internationale Konferenz von
etwa 60 Theologen zur Beratung der strittigen Fragen einzuberufen, gab der
König umgehend an den Kaiser weiter und befürwortete ihn als geeignete Vor-
bereitung für den demnächst zu veranstaltenden Reichstag93.
Der Gedanke wurde nicht weiterverfolgt. Das Wormser Religionsgespräch
fand in Abwesenheit Ferdinands unter Leitung Granvellas statt. Da von nun an
die Konkordienpolitik von Kaiser Karl und seinem Minister gleichsam als
„Chefsache“ behandelt wurde, trat Ferdinand während des Regensburger
Reichstags in die zweite Linie zurück94. Er ließ, als das Scheitern der Aus-
gleichsbemühungen erkennbar wurde, die österreichische Stimme im Fürstenrat
für die Kompromißvorschläge der Mehrheit des Kurfürstenrates abgeben, die
dem Kaiser eine nochmalige Überprüfung der in den Gesprächen erzielten Er-
gebnisse überlassen wollte, um die Möglichkeit zur Einigung weiter offen zu
halten95. Der Abschied des Reichstages verschleierte, daß man in der Sache
letztlich nicht weitergekommen war, indem die Entscheidung über „der Collo-
quenten Handlung“ an das vom päpstlichen Legaten Contarini wieder in Aus-
sicht gestellte Generalkonzil oder ersatzweise an ein Nationalkonzil oder – falls
in den nächsten 18 Monaten keines von beiden zustandegekommen wäre – an
den dann einzuberufenden nächsten Reichstag überwiesen wurde96. Den Präla-
ten wurde auferlegt, „ein Christlich Ordnung und Reformation fürzunehmen
und aufzurichten, die zu guter gebührlicher und heilsamer Administration der
Kirchen fürderlich und dienlich sei“, das würde eine nützliche Vorbereitung für
die endgültige Überwindung des Glaubensstreites sein97. Die Kirchenreform
wurde also reichsrechtlich verankert!
Mit seinem Ersuchen an den Papst, eine von ihm beabsichtigte Klosterreform
in seinen Erblanden zu billigen und zu unterstützen, hatte Ferdinand schon
Anfang 1541 unter Berufung auf seine königliche Vollmacht und Autorität
seine Entschlossenheit bekundet, einen Anfang zu machen98. Die Einwände der
kurialen Geschäftsträger vermochten ihn nicht zu überzeugen, vielmehr konnte
er sich durch einen Aufsatz Nauseas über die Mißbräuche in der Kirche be-
92 Nützliche Gegenüberstellung von Forderungen der Protestanten und Bewilligungen des Königs
bei Hollerbach, S. 137f. Der Hagenauer Abschied ist gedruckt bei Ranke, Reformation 6, S.
136ff und bei Neuser, S. 96ff. Bis zu diesem Rezeß ist stets von einem „christlichen Gespräch“
die Rede, erst in Worms dringt dafür die Bezeichnung „Colloquium“ in die deutschen Akten
ein.
93 NB I 5, S. 444: Morones Bericht v. 7.7.1540; Ferdinands Mitteilung an Karl mit Brief v.
10.7.1540 in NB I 6, S. 348
94 Zum Regensburger Reichstag eingehend Luttenberger, Glaubenseinheit, S. 233ff.
95 Das Votum der österreichischen Räte ARC 3, S. 388; zur Situation Luttenberger, Glaubensein-
heit, S. 235f
96 Neue Sammlung 2, S. 434 (§§ 21 und 22); dazu Laubach, Nationalversammlung, S. 29ff
97 § 25 (S. 434)
98 ARC 4, S. 328ff, auch NB I 6, S. 284ff (Eingabe Ferdinands an den Papst v. 2.1.1541)
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien