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Auseinandersetzungen mit Rom über die Rahmenbedingungen des Konzils 395
In Rom wußte man erheblich früher als in Wien, daß die drei weltlichen Mächte
nicht konvergierten.
Als Ferdinand Ende Juli von Philipps entgegengesetzter Stellungnahme er-
fuhr, unternahm er keine neuen Schritte, um den spanischen König umzustim-
men. Ob er darauf vertraute, daß seine Argumente, die jener bei seiner Ent-
scheidung ja noch nicht gekannt hatte, den Neffen überzeugen würden? Dem
spanischen Botschafter Luna erklärte er, zunächst wolle er die Antwort aus
Rom abwarten, um dann eine konsensfähige Lösung zu suchen250; wenn er ihm
außerdem von besorgniserregenden Reaktionen protestantischer Fürsten auf die
Nachricht, der Papst wolle das Trienter Konzil fortsetzen, erzählte, war das
allerdings ein indirekter Hinweis auf die Triftigkeit der eigenen Haltung251.
Ebenso nahm Ferdinand die Mitteilungen Bochetels über die französische
Ansicht lediglich zur Kenntnis. Aus Arcos Berichten wußte er bereits, welche
Parallelen und Unterschiede zwischen der eigenen und der französischen Posi-
tion bestanden252. Bochetel hatte den allgemeinen Auftrag, für einvernehmliches
Handeln zwischen dem Kaiser und den Königen von Spanien und Frankreich
zu werben253. Nach dem Bekanntwerden der päpstlichen Absicht, das Tridenti-
num fortzusetzen, wurde die Weisung dahin präzisiert, dem Kaiser zu verdeut-
lichen, daß die Einbeziehung der Protestanten unbedingt ermöglicht und mit
Rücksicht auf sie ein anderer Ort bestimmt werden müsse254. In Kenntnis der
divergierenden Stellungnahmen Spaniens und Frankreichs erschien es Ferdi-
nand offenbar zweckmäßig, sich vorerst bedeckt zu halten, zumal er wußte, daß
das eigene Gutachten in Rom keine positive Resonanz gefunden hatte.
An der Kurie hatte man die kaiserliche Haltung offenbar nicht vorausgesehen,
denn die Entrüstung über das Memorandum war groß; der Kardinalnepot Borro-
meo wies den Nuntius in Spanien an, mit Rücksicht auf das Ansehen des Kaisers
solle dessen Antwort nicht veröffentlicht werden!255 Pius IV. kritisierte in einem
Gespräch mit Venedigs Botschafter Ferdinands Plädoyer für Rücksichtnahme auf
die Protestanten als Schwäche; der in Rom weilende Bischof von Augsburg
meinte – wie Hosius –, der Kaiser setze zu sehr auf menschliche Klugheit statt auf
den göttlichen Ratschluß256. Andere Kardinäle beanstandeten die Empfehlung,
vorab die beiden Konzessionen zu gestatten257. In Ferdinands Beraterstab hatte
man für solche Kritik kein Verständnis, denn nicht aus Angst vor den Protestanten,
250 CDI 98, S. 165ff: Luna an Ph., 6.8.1560; vgl. Ferdinands Weisung an Arco v. 5.8.1560 (Sickel,
Konzil, S. 86).
251 Zur Substanz der protestantischen Reaktionen vgl. Voss, S. 84f; zwei Monate später berichtete
Margarete von Parma Ähnliches (Gachard, Correspondence 1, S. 301).
252 Sickel, Konzil, S. 86: Bericht Arcos v. 13.7.1560
253 Le Laboureur 1, S. 468: Instruktion v. 23.5.1560
254 BN Paris, Coll. Dupuy 357, fol 42r-47v: Franz II. an Bochetel, 24.6.1560; (gedruckt bei Le Plat
IV, S. 626ff); BN Paris, Coll. Cinq cents de Colbert 391, S. 101: Kardinal v. Lothringen an Bo-
chetel, 24.6.1560; vgl. Fischer, S. 106. Bochetel schlug in seiner ersten Audienz Konstanz vor
(CDI 98, S. 166).
255 CT 8, S. 54f
256 Ehses, S. 118 mit Anm. 2
257 VD 3, S. 154 Anm. 7
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien