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Kapitel 6: Religiöse Eintracht und Reform der
Kirche402
Delfino konnte in den nächsten Tagen lediglich zwei Schreiben des Kaisers
an den französischen König und dessen Mutter erreichen297. Darin stellte Fer-
dinand den Stand seiner Verhandlungen mit dem Papst so dar, als ob über die
Neuberufung (Indiktion) des Konzils Einvernehmen erzielt sei298, und riet
dringend von dem Nationalkonzil ab, weil es sowohl in Frankreich als auch in
anderen Teilen der Christenheit verderbliche Auswirkungen haben werde.
Nicht nur diese Briefe zeigen, daß es Ferdinand fernlag, den Papst im Zusam-
menspiel mit Frankreich unter Druck zu setzen. Ein weiterer Beleg ist die un-
terlassene Abstimmung über den Tagungsort. Konstanz, im Sommer sowohl
von kaiserlicher als auch von französischen Seite unabhängig voneinander vor-
geschlagen, war für die Kurie doch zu sehr mit negativen Reminiszenzen bela-
stet. Daß die Uneinigkeit der beiden Opponenten gegen Trient die Kurie ermu-
tigte, darauf zu beharren, wurde in Wien zu spät erkannt. Als Bochetel im Spät-
herbst Besançon ins Spiel brachte, das im Unterschied zu anderen französischen
Vorschlägen – Arco hatte Vercelli und Lyon gemeldet299 – die Voraussetzung
erfüllte, zum Reich zu gehören, hatte Ferdinand seine Bereitschaft, dem Papst
in der Ortsfrage nachzugeben, bereits bekundet. Seine Erklärung, wenn der
Papst und der König von Spanien mit Besançon einverstanden wären, werde er
sich nicht widersetzen, zumal diese Stadt von den Protestanten wohl eher ak-
zeptiert werden würde als Trient, war nur halbherzig und kam zu spät300. In-
zwischen hatte die französische Regierung auf Grund neuer – entweder irrefüh-
render oder falsch interpretierter – Informationen aus Rom den Eindruck ge-
wonnen, Pius IV. habe ihrer zentralen Forderung nachgegeben, so daß es gera-
ten erschien, nachdem der Kaiser Trient akzeptiert hatte, ebenfalls einzulenken,
um keine Ursache zur Verzögerung der geforderten baldigen Eröffnung zu
geben301. Dem Kaiser wurde versichert, das französische Nationalkonzil werde
nicht stattfinden, wenn das Universalkonzil in nächster Zeit einberufen wer-
de302.
Wir haben damit etwas vorgegriffen. Trotz der klaren Aussagen Ferdinands
in seinem Vortrag bewerteten die beiden Vertreter Roms die Situation in ihren
Berichten unterschiedlich. Hosius nahm das Argument, bei einer Fortsetzung
Trients würden diejenigen, deretwegen das Konzil so nötig sei, keinesfalls er-
297 HHStA Wien, St-Abt., Frankreich Hofkorr. 1, Konv. 3 fol 4r-5v: F. an Franz II., 14.10.1560
(Konz.); Auszug bei Sickel, Konzil, S. 103f, ungekürzte lat. Version in CT 8, S. 87f. HHStA
Wien, ebda, Konv. 4 fol 3r/v: F. an Katharina, 14.10.1560 (Konz.)
298 „...la resolution prinse par sad. Ste et moy de faire proceder au plustost a lindiction et celebration
dudict concille...“ (von Sickel ausgelassen; vgl. CT 8, S. 103 Z. 29f); Ehses, S. 158
299 Sickel, Konzil, S. 115f u. S. 127
300 NB II 1, S. 155f: Bericht Delfinos v. 4.11.1560, ebda, S. 157 Bemerkungen Hosius’ dazu; Sickel,
Konzil, S. 133f: F. an Arco, 12.11.1560; die Angaben ebda, S. 128 werden bestätigt durch einen
Brief Selds an Herzog Albrecht in BHStA München, KÄA 4306, fol 518r). Evenett, S. 193f und
ihm folgend Fischer, S. 168 überspitzen Ferdinands Bemerkungen zu Besançon zu einem Ver-
such, die Zustimmung zu Trient zu widerrufen; sie lassen sich damit allzu sehr auf Delfinos ein-
seitige Darstellung ein.
301 Dazu eingehend Fischer, S. 162ff; Jedin, Konzil 4/1, S. 35 spricht von einer Verdrehung der
Tatsachen.
302 Le Plat 4, S. 657ff: Franz II. an F., 6.11.1560
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien