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Kapitel 6: Religiöse Eintracht und Reform der
Kirche408
evangelischen Reichsstände gegen die Modalitäten bei Konzilien auf und stellte
Aspekte zusammen, warum der Kaiser sich dieser Sache nicht besonders an-
nehmen sollte337. Es waren alte Argumente: Die zögernde Haltung Spaniens
und Frankreichs, die Gleichgültigkeit der anderen Mächte, die Reformunwillig-
keit der Geistlichen, die fehlende Bereitschaft des Papstes, sich dem Konzil zu
unterwerfen.
In seine unverbindlich gehaltenen Antwortbriefe an den Papst nahm Ferdi-
nand diese Punkte nicht auf. Er betonte, seine grundsätzlich positive Haltung
zu einem ökumenischen Generalkonzil und seine Bereitschaft, dieses fromme
und wichtige Werk zu fördern, seien dem Papst aus den bisherigen Verhand-
lungen bekannt, die Entsendung geeigneter Vertreter werde keine Schwierig-
keiten machen; er wiederholte, für einen Erfolg des Konzils sei die persönliche
Teilnahme des Papstes unerläßlich, dann werde auch er alles andere zurückstel-
len und dort erscheinen338. Mit dem Verweis auf seine jüngsten mündlichen
Ausführungen erklärte er aber seine abweichenden Vorstellungen für weiterhin
gültig, die er gegenüber den Nuntien wesentlich deutlicher vorgetragen hatte.
Er hätte sich eine stärkere Berücksichtigung seiner Vorschläge gewünscht,
klagte er, beanstandete die zu kurze Frist bis zur Eröffnung, obwohl er den
Grund, die zugespitzte Lage in Frankreich, kannte, und kritisierte die Diver-
genzen in den Formulierungen der beiden Bullen. Den letzteren Punkt spitzte
er später zu der Aufforderung an die Nuntien zu, sie sollten während ihrer
Rundreise den Protestanten die Sorge nehmen, mit der Einberufung des Kon-
zils sei die von jenen so gefürchtete Fortsetzung gemeint – ein untauglicher
Versuch, die Intentionen des Papstes umzubiegen! Mit Recht lehnte Commen-
done mit der Begründung ab, sie seien nur beauftragt, die Protestanten zum
Konzil einzuladen, nicht aber über die Bullen zu diskutieren. Anstoß nahm
Ferdinand auch an der brieflichen Äußerung des Papstes, notfalls sein Blut für
die Einheit der Kirche einsetzen zu wollen, weil man daraus bei böswilliger
Interpretation auf kriegerische Absichten schließen könnte339.
Das eigene Verständnis von seinem Kaisertum erlaubte es Ferdinand nicht,
von dem Konzilsprojekt abzurücken, so wenig die päpstlichen Vorgaben seinen
Wünschen entsprachen. Die Instruktion, die er seinen Räten für die in Naum-
burg versammelten protestantischen Stände mitgab340, stellte wieder einmal die
Wichtigkeit der Einheit im Glauben für das Reich in den Mittelpunkt, insbe-
sondere angesichts der türkischen Bedrohung; Hinweise auf die spanische See-
niederlage bei Djerba und den erwarteten Friedensschluß zwischen dem Sultan
und dem Schah dienten zur Aktualisierung341. Die politischen Ängste der Pro-
testanten wurden für gegenstandslos erklärt. Ihre Einwände gegen das „päpstli-
che“ Konzil wurden mit Stillschweigen übergangen, das eigene Eintreten für
337 „... quod Caesar non debeat vehementer huic negotio incumbere ...“ (fol 5v).
338 CT 8, S. 127f u. S. 135f: F. an Pius IV., 9.1.1561 (der Auszug bei Sickel, Konzil, S. 159f ist unzu-
reichend) bzw. 15.1.1561
339 Mehrere Berichte der Nuntien über die Besprechungen mit Ferdinand in CT 8, S. 128–134
340 HHStA Wien, RK RelA 6, fol 21r-33v; Teildruck bei Sickel, Beiträge, S. 511ff; das folgende Zitat
dort S. 516.
341 Vgl. Kapitel 10, S. 643f
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien