Seite - 409 - in Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
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Gründe für die lange Verzögerung der kaiserlichen Teilnahmezusage 409
das Konzilsprojekt dagegen als Pflicht eines christlichen Kaisers gerechtfertigt.
Diskussionen über die Bedeutung der päpstlichen Bullen sollten die Kommissa-
re den Nuntien überlassen, aber bei Nachfragen als ihre eigene Auffassung („ad
partem alls für sich selbs“) angeben, „daz wir [sc. der Kaiser] nit anderst ver-
standen, dann die b. H. hete solche continuation fallen lassen und ain frey cri-
stenlich oecumenicum concillium von neuem zu halten fürgenomen“. Es gibt
kaum einen stärkeren Beleg dafür, daß die Teilnahme der Protestanten am Kon-
zil für Ferdinand erste Priorität hatte, als diese wider besseres Wissen erteilte
Weisung342. Das verbreitete Urteil, Ferdinand habe eine von ängstlicher Rück-
sichtnahme auf die Protestanten geleitete Politik betrieben, wird dem zentralen
Anliegen des Habsburgers nicht gerecht.
Daß Ferdinand von den Nuntien verlangte und durchsetzte, sie sollten ihre
Einladungskampagne beim Naumburger Protestantentag beginnen, war für jene
eine Zumutung, denn sie hatten dafür keinen Auftrag. Er begründete sein An-
sinnen damit, dort wären ungefähr zwanzig protestantische Reichsstände ver-
sammelt, um zu erörtern, ob und gegebenenfalls in welcher Weise sie am Konzil
teilnehmen sollten343. Sinn des eleganten Schachzuges war nicht nur, bequem
und schnell auszuloten, wie die evangelischen Reichsstände tatsächlich auf diese
päpstliche Einladung reagieren würden, sondern auch, den Papst umgehend die
Erfahrung machen zu lassen, daß die kaiserlichen Warnungen ihre Berechtigung
hatten. Komplementär dazu hütete sich Ferdinand, sich eindeutig auf die An-
nahme der Konzilsbulle festzulegen, was Hosius in den nächsten Wochen stän-
dig von ihm verlangte, der dadurch die Bemühungen des französischen Ge-
sandten zu konterkarieren trachtete. Denn in Rom fürchtete man, nachdem die
französische Kritik an der Bulle bekannt geworden war, besonders den Schul-
terschluß zwischen dem Kaiser und Frankreich344.
In Frankreich, wo der Thronwechsel am 5. Dezember zur Folge hatte, daß
Katharina von Medici die Regentschaft übernahm und der Einfluß der Guisen
längerfristig sank, setzte der Kardinal von Lothringen im Staatsrat nach scharf-
sinniger Analyse der Berufungsbulle durch, erst einmal die Reaktionen des
Kaisers und des spanischen Königs in Erfahrung zu bringen und, weil die Bulle
den französischen Bedingungen nicht genügte, das Nationalkonzil noch nicht
abzusagen345. Bochetel wurde beauftragt, dem Kaiser das französische Bedauern
mitzuteilen, aus der Bulle eher die Fortsetzung des Trienter Konzils statt eine
Neuberufung ableiten zu müssen, und Zweifel zu äußern, ob der Kaiser und die
katholischen Fürsten sie für annehmbar hielten. Um Ferdinand dazu zu brin-
gen, vom Papst eine Revidierung zu verlangen, wurde der Botschafter ermäch-
tigt, einerseits für einen solchen Schritt französische Unterstützung zuzusagen,
andererseits aber die Option des Nationalkonzils als Druckmittel einzuset-
342 Daß die Räte das als eigene Ansicht ausgeben sollten, sollte Ferdinand natürlich ermöglichen, bei
Bedarf ein Mißverständnis vorzuschützen.
343 CT 8, S. 129 Z. 42f
344 NB II 1, S. 187f u. S. 190: Weisungen Borromeos v. 13. und 18.1.1561; vgl. auch die bei Sickel,
Konzil, S. 154, notierte Meldung des Agenten Cusano.
345 Ebda, S. 41; Fischer, S. 176f; Evenett, S. 201f
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien