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Das kaiserliche „Reform-Libell“ – eine erfolglose Initiative 435
Fertigstellung und Übersendung noch benötigt wurden, der Aufnahme von
Diskussionen ĂĽber dogmatische Fragen entgegenzutreten135. Indessen wichen
seine Direktiven ab von dem BeschluĂź des Konzils vom 22. Januar 1546, Re-
formen und Dogmen stets parallel zu beraten136. Mit beachtlichen GrĂĽnden war
damals gegen den Vorrang der Reform vor der Präzisierung der Lehre einge-
wandt worden, der Verfall der Sitten sei – gerade auch nach Meinung führender
protestantischer Theologen – Folge der fehlerhaften Verkündigung137.
Indem er sich das Recht nahm, in Gestalt des Reform-Libells dem Konzil ei-
gene Vorschläge zur Beratung zu unterbreiten – natürlich sollten seine Ge-
sandten sich deswegen mit den Legaten ins Benehmen setzen – weitete Ferdi-
nand einen Konflikt aus, der seit der Wiedereröffnung zwischen dem Konzils-
präsidium einerseits, etlichen spanischen Bischöfen andererseits ungelöst ge-
blieben war138: Ob allein den päpstlichen Legaten als Leitern der Versammlung
das Recht zustehe, Themen zur Beratung vorzuschlagen, wie es in der ersten
Session dekretiert worden war, oder auch einzelnen Vätern und – das war die
Konsequenz der Initiative Ferdinands – den Vertretern der weltlichen Mäch-
te139. Soeben hatte Philipp II. in Rom entschieden gegen das alleinige Propositi-
onsrecht der Legaten protestiert, weil diese Neuerung die Autorität und Frei-
heit des Konzils beeinträchtige140. Ferdinand war hierin mit seinem Neffen
einer Meinung. Wie seine fĂĽr jede Tagungsperiode ausgestellten Generalman-
date bezeugen, war es für ihn selbstverständlich, durch seine Vertreter an den
Verhandlungen teilzunehmen (adesse et interesse), mitzuberaten (consulere,
agere, tractare), Anträge zu stellen (proponere) und abzustimmen (consilium
votum et decretum nomine nostro dare)141. Jetzt bekräftigte er, jeder Fürst bzw.
jede Nation in der Christenheit müsse die Freiheit haben, beim Konzil Anträge
zu stellen, wenn sie Schwierigkeiten hätten oder in bestimmten Dingen Konzes-
sionen begehrten142.
Um die gespannte Situation nicht zusätzlich zu belasten, warteten die Orato-
ren die Entscheidung in der Frage der Fortsetzung ab143, ehe sie der Konzils-
135 Ebda, fol 16–17; Auszug bei Sickel, Konzil, S. 301; am 4.6. schrieb er, dogmatische Erörterun-
gen sollten mehrere Monate hinausgeschoben werden (Sickel, Konzil, S. 327).
136 Steinruck, S. 225
137 Jedin, Konzil 2, S. 24f
138 Zur ersten Phase der Kontroverse Jedin, Konzil 4/1, S. 92f
139 Allgemein zur Stellung der Gesandten vgl. Jedin, Gesandtenrecht, passim. Die Legaten waren
der Meinung, in den Kongregationen hätten nur solche Gesandte Rederecht, die zugleich Bi-
schöfe seien (HHStA Wien, RK RelA 7, fol 63r-68r: Oratoren an F. 17.3.1562; ein Satz daraus
bei Sickel, Konzil, S. 278).
140 Ĺ usta 2, S. 94f: Philipp an Pius IV., 30.3.1562. Durch eine Meldung Arcos war das am Kaiserhof
bekannt (Sickel, Konzil, S. 294).
141 HHStA Wien, RK RelA 5 Konv. 1, fol 31r (Mandat v. 22.1.1543), fol 44r (Instruktion
v.25.4.1545), fol 75v (Mandat v. 16.8.1551, gedruckt CT 7, S. 97f); CT 8, S. 273f (Mandat v.
1.1.1562); Jedin, Gesandtenrecht, S. 287f, berĂĽhrt nur das Stimmrecht.
142 „Est quidem aequitati et rationi consentaneum quod unicuique principi aut nationi christianitatis
integrum liberumque sit in concilio proponere, si quid habeat difficultatis aut si cupiat sibi aliqua
in re quippiam concedi vel tribui“ (Sickel, Konzil, S. 316, aus der Instruktion v. 22.5.1562).
143 Bericht v. 29.5.1562 (Sickel, Konzil, S. 322); Ferdinand billigte ihr Verhalten (ebda, S. 325f: F. an
Oratoren, 4.6.1562, bes. S. 326).
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Buch Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V."
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- MĂĽnster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien