Seite - 459 - in Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
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Der kaiserliche Appell an den Papst 459
formulierte persönlich mehrere Änderungen und Zusätze; am 2. März wurde
der endgültige Wortlaut approbiert302.
Auch in diesem Brief beginnt Ferdinand mit der Berufung auf seine Stellung
als Advokat und gehorsamster Sohn der Kirche und seine Verpflichtung, zur
Ehre Gottes und für die Einheit der Kirche zu wirken, woraus er ableitet, mit
dem Heiligen Vater offen zu reden und nichts zu beschönigen. Daran schließt
sich die persönlichere Betrachtung, die Lösung der ihnen beiden, dem Papst
und dem Kaiser, als den obersten Häuptern der Christenheit gestellte Aufgabe
sei um ihres Ansehens in der Nachwelt willen um so dringlicher, stünden sie
doch beide an der Schwelle des Todes, und es sei zu bedenken, daß „sündige
Hirten und Vorsteher des Volkes“ nicht nur das eigene Heil, sondern das von
vielen tausend Seelen in Gefahr brächten – das sind Gedanken, die von Ferdi-
nand persönlich eingebracht sein könnten.
Jene Aufgabe ist natürlich die Reform, derentwegen das Konzil berufen
wurde, und in Übereinstimmung mit dem anderen Schreiben wird ihre Ver-
schleppung als größtes Ärgernis bezeichnet. Ohne Scheu präzisiert Ferdinand,
die Reform müsse beim Haupt oder an der Quelle beginnen: „nam ubi caput est
bene dispositum, reliqua etiam membra melius habent, et fonte puro puri ma-
nant rivuli“303. Damit ist der Weg frei für die Forderungen nach Reformen an
der Kurie, z.B. der Papstwahl und der Kardinalsberufung304, aber auch bei der
Bestellung der Bischöfe, wobei Ferdinand vor allem die Wahlen durch die
Domkapitel und weniger die Ernennungen durch den Papst oder die Fürsten
kritisiert. Er verweist auf die Schädlichkeit der Pfründenhäufung und ihre Un-
vereinbarkeit mit der Residenzpflicht der Bischöfe und kommt damit zu der
aktuellen konzilspolitischen Kontroverse. Deutlich schimmert seine Sympathie
für die Meinung durch, die Residenz sei im Jus divinum begründet, und er be-
schwört den Papst, die Gewissen der Väter in Trient nicht durch eine Interven-
tion zugunsten einer bestimmten Position zu beeinflussen. Das Verhalten man-
cher Väter, sich in wichtigen Fragen nicht festzulegen, sondern die Entschei-
dung dem Papst anheimzustellen, hält er für unzulässig, ebenso die Kontrolle
der Konzilsarbeit durch die Kardinäle; sie führe dazu, daß man im Grunde zwei
Konzilien, also eine Art Schisma habe. Richtig wäre stattdessen, wenn der Papst
seine beabsichtigten Reformbullen dem Konzil vorlegen würde, das die „eccle-
sia universalis“ repräsentiere und die Verheißung der Präsenz des Heiligen Gei-
stes für sich habe305. In diesem auf hohem argumentativem Niveau erfolgenden
intensiven Werben Ferdinands bei Pius IV., dem Konzil gegenüber eine offene-
re Haltung einzunehmen, das Neben-, ja Gegeneinander von römischer Kurie
und Konzil zu beenden und gemeinsam mit der Kirchenversammlung die not-
wendigen Maßnahmen zu beschließen, ist das wichtigste Anliegen des privaten
302 Moderne Edition in NB II 3, S. 223ff; zur Genesis vgl. die Auszüge aus dem Protokoll des
Geheimen Rates in NB II 3, S. 235; leider habe ich in den Wiener Akten kein Konzept gefunden,
aus dem Ferdinands eigene Zusätze hervorgingen.
303 Ebda, S. 227
304 Ferdinand verzichtete darauf, eine Beschränkung der Zahl der Kardinäle zu fordern; vgl. dazu
Birkner, S. 345f.
305 NB II 3, S. 230f
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien