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Die Verhandlung mit Morone 467
Da Morone in dem Gespräch mit Seld erklärt hatte, die Translation des Kon-
zils sei ein Angebot, aber kein zentraler Punkt für den Papst, war die Sache
durch Ferdinands Widerspruch erledigt356. –
Eine Liste von vierzehn Punkten, die Ferdinand einer neuen Kommission
von kanonistischen Sachverständigen zur Beratung vorlegte, verdeutlicht, wel-
che Probleme nach seiner Ansicht nun, da der Papst es abgelehnt hatte, persön-
lich am Konzil in Trient teilzunehmen, dringend der Klärung bedurften, damit
die Synode effiziente Reformarbeit leisten könnte357. Zum einen wurden –
gleichsam als Prämissen – die Unabhängigkeit der einzelnen Konzilsväter sowie
die Autonomie des Konzils gegenüber Gängelung von kurialer oder fürstlicher
Seite angesprochen, zum anderen die Beteiligung des Konzils an allen Refor-
men, auch den die Kurie berührenden, und seine prinzipielle Erreichbarkeit für
externe Vorschläge – der zentrale Punkt in der Kontroverse um das Propositi-
onsrecht. Es entsprang aber ebenso dem leitenden Anliegen, wenn überlegt
werden sollte, wie besonders brisante, die erfolgreiche Fortsetzung des Konzils
potentiell gefährdende Probleme möglichst zurückgedrängt oder entschärft
werden könnten – schon die Formulierungen enthüllten diese Intention –, und
ob von den Protestanten nicht angefochtene Lehrsätze überhaupt behandelt
werden müßten358. Die Liste belegt, daß Morone nicht nur in jenen Punkten,
bei denen Ferdinand sofort widersprochen hatte, ihn nicht zu überzeugen ver-
mocht hatte.
Der Arbeitsgruppe gehörten diesmal der Bischof von Großwardein Franz
Forgach als Vorsitzender, Cordoba, Canisius, Staphylus sowie Konrad Braun
als Schriftführer an359. Doch stellte sich heraus, daß das Gremium mit der Auf-
gabe, die Antwort an Morone bündig zu konzipieren, überfordert war; seine
umfangreichen Gutachten zu den einzelnen Fragen taugten nur als Material für
die Argumentation360. Sie wurden von Ferdinand persönlich studiert, der Ände-
rungsvorschläge machte361, von Seld überarbeitet, im Geheimen Rat besprochen
356 NB II 3, S. 280. Morone hat es auch in seiner Replik festgestellt (Constant, Légation, S. 111f).-
Zwar berichtete Arco noch Anfang Mai, der Papst erwäge weiterhin die Translation nach Bolo-
gna (Sickel, Konzil, S. 496f); aber das wäre nun eine sehr krasse Desavouierung des Legaten ge-
worden.
357 Gedruckt bei Sickel, Konzil, S. 491f; Sickels Charakterisierung, diese Punkte habe Ferdinand
von Morones Vortrag im Gedächtnis behalten (ebda, S. 495, übernommen von Pastor, Päpste 7,
S. 244)), ist unzutreffend.
358 Nr. 4: Ob eine „dissimulierende“ Stellungnahme zur Residenz der Bischöfe möglich sei? Nr. 8:
Wie man es mit dem „diffizilen“ Problem der Superiorität halten solle? Nr. 13: Wie sollen die-
jenigen Anträge der Spanier und Franzosen behandelt werden, die eher Verwirrung als Fort-
schritt bewirkt haben? – Jedin, Konzil 4/2, S. 19, will eine „Hinneigung zur päpstlichen Seite“
bei Seld darin erkennen.
359 Zusammensetzung bei Sickel, Konzil, S. 495; die Teilnahme von Sitthard ist nicht belegt, Brus
traf erst am 12. Mai wieder in Innsbruck ein.
360 Zwei Exemplare in HHStA Wien, RK RelA 10 Konv. Mai, fol 9–61 und ebda 13, fol 250–291;
einige Auszüge bei Bucholtz 8, S. 545ff (als Anm.), ein paar Sätze bei Kassowitz, S. XLf
361 Das ergibt sich aus einer ausführlichen Weisung Selds an die Kommission (HHStA Wien, RK
RelA 10 Konv. Mai, fol 75–79, undatiert); Aktenstücke mit Marginalien Ferdinands habe ich
nicht gefunden.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien