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Kapitel 7: Kaiser Ferdinand und die dritte Tagungsperiode des
Tridentinums476
Ferdinand gehaltenen Positionen für die Kurie hinnehmbar seien411; dadurch
gestand er ein, seine Ziele nicht voll erreicht zu haben.
Es war nötig, die Stationen der Innsbrucker Gespräche schrittweise zu be-
handeln, um das in der Historiographie, zumal zum Tridentinum, verbreitete
Urteil, Morone habe einen großen Erfolg errungen, ja Ferdinand habe eine
Niederlage erlitten412, zu differenzieren. Es wird einseitig auf die Berichte Mo-
rones und die Kritik Maximilians gestützt und ist insofern unausgewogen413.
Pius IV. und seine kurialen Berater, auch Morone, haben in ihrer Fixierung auf
die Wahrung der Autorität des Heiligen Stuhls die Politik Ferdinands mißver-
standen. Morone hat jenes „concerto“ der drei großen Mächte, aus dem er den
Kaiser herausgelöst haben will, schlicht überbewertet. Die Vorstellung von
einer „Oppositionsfront“ Kaiser – Spanien – Frankreich zur Instrumentalisie-
rung des Konzils gegen den Papst, die er verhindert haben soll, entsprang über-
steigerten Ängsten; die Entwicklung in Frankreich, insbesondere die Hugenot-
tenpolitik der Regentin, lockerte die wenig feste, keineswegs institutionalisierte
Kooperation zusehends414. Und selbst in den Einzelfragen, in denen die beiden
Habsburger gleicher Meinung waren, funktionierte das Zusammenspiel nur
ausnahmsweise415.
Der Wert des Morone-Besuches in Innsbruck lag für Ferdinand darin, dem
Repräsentanten des Papstes beim Konzil – zugleich einer viel gewichtigeren
Persönlichkeit, als es der Nuntius Delfino war – persönlich darlegen zu können,
was aus seiner Sicht zum Wohl der Kirche im allgemeinen sowie der des Reichs
und seiner Erblande im besonderen erforderlich war. Ferdinand war sehr be-
wußt, daß Belange der Kirche in Spanien, Frankreich, Italien durch ihre am
Konzil teilnehmenden Bischöfe dort zu Gehör gebracht wurden, während die
katholische Kirche im Reich, weil sie so gut wie gar nicht präsent war, kaum zu
vernehmen war. Die Gespräche in Innsbruck boten die Chance, dieses Defizit
zu verringern. Indessen konnte er nicht mehr anvisieren, als Morone dafür zu
gewinnen, die Arbeit des Konzils endlich auf die Reform der Kirche zu kon-
zentrieren und alles beiseite zu lassen, was davon ablenkte oder Verzögerungen
bewirkte. So war für ihn entscheidend, als der von den am Kaiserhof verbreite-
ten Zweifeln an der Reformfreudigkeit des Papstes beeindruckte Morone, dem
zu mißtrauen er keinen Anlaß hatte, in der zweiten Unterredung viel mehr
411 NB II 3, S. 303ff: Morone an Borromeo, 17.5.1563
412 So Kassowitz, S. 208ff
413 Das gewichtigste abweichende Urteil stammt von M. Ritter, Geschichte 1, S. 173ff; ihm folgte
sein Schüler Helle, S. 62ff
414 Vgl. Jedin, Konzil 4/2, S. 47
415 Erst mehrere Wochen nach Morones Abreise teilte Philipp dem Kaiser sein jüngstes Urteil über
die römische Haltung zum Propositionsrecht mit – sie habe ein äußerst schwaches Fundament
(CDI 9, S. 329: Philipp an F., 9.6.1563).
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien