Seite - 480 - in Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
Bild der Seite - 480 -
Text der Seite - 480 -
Kapitel 7: Kaiser Ferdinand und die dritte Tagungsperiode des
Tridentinums480
dieser Akt werde die Rückkehr Englands zur katholischen Kirche für immer
unmöglich machen, dort zur Ausrottung der Katholiken führen und überdies
die deutschen Protestanten zu Angriffen provozieren, denen die katholische
Minderheit im Reich nicht gewachsen wäre. Außerdem sah er darin eine Gefahr
für die Reputation des Konzils, denn weil es keinen Fürsten in der Christenheit
gäbe, der den Bannspruch vollstrecken könne, werde der undurchführbare Be-
schluß es der Lächerlichkeit preisgeben. Eine in Trient aufgetauchte und von
Hosius ernstlich befürwortete Variante, Elisabeth solle vom Konzil abgesetzt
werden und ein Kaisersohn mit der Hand Maria Stuarts den englischen Thron
erhalten, war nicht nur abenteuerlich, sondern wurde von Ferdinand als kom-
promittierend empfunden, so daß er die Vernichtung des Dokuments verlang-
te438. Seine Argumente machten Eindruck: Pius IV. widerrief seine erste Ent-
scheidung zugunsten der Exkommunizierung und schloß sich der Ansicht des
Kaisers an439. (5) Vergleichsweise harmlos erschien demgegenüber der französi-
sche Vorschlag, das Konzil in eine deutsche Stadt zu verlegen, den ein französi-
scher Sondergesandter Mitte Juni dem Kaiser offiziell vortrug. Ferdinand lehnte
den Gedanken ohne Umschweife ab440.
Bemerkenswert ist die flammende Philippika, mit der Ferdinand sich wäh-
rend einer Audienz für Delfino gegen die Absicht wandte, jetzt durch das Kon-
zil – also durch die dem Papst ergebene Mehrheit – die päpstliche Superiorität
statuieren zu lassen. Anlaß war wohl die Meldung, daß die Verhandlungen über
das Ordodekret nicht vorankamen, weil keine allseits akzeptablen Formulie-
rungen über die Autorität des Papstes im Zusammenhang mit der Einsetzung
der Bischöfe und der Herleitung ihrer Jurisdiktion zu finden waren441. Bezeich-
nenderweise nahm Ferdinand zu dem ekklesiologischen Problem nicht Stellung,
sondern erinnerte Delfino daran, er sei sich mit Morone darüber einig gewesen,
diese gefährliche Diskussion zu unterbinden, weil Deutsche, Franzosen, Belgier
und vielleicht sogar die Spanier die Superiorität des Papstes niemals zugestehen
würden. Der Papst wäre besser beraten, wenn er hierin nicht auf eine Entschei-
dung dränge, stattdessen solle er die Mitwirkung des Konzils bei sämtlichen
Fragen einräumen. Dazu brachte der Kaiser das neue Argument vor, der Papst
solle sich die weltlichen Fürsten zum Vorbild nehmen, die in ihren Reichen
„supremam et absolutissimam potestatem temporalem“ besäßen und doch sel-
ten etwas, was die Gesamtheit ihrer Stände beträfe, ohne deren Wissen und Rat
entschieden. Er fuhr fort, wenn die Gebrechen der Kirche nicht bald geheilt
würden, könne man alle Hoffnung auf ihr Wiedererstarken fahren lassen. Ge-
schehen könne das nur durch rigorose Reform und durch die Freiheit des Kon-
zils, die nur gewährleistet sei, wenn alle die gesamte Kirche betreffenden Fragen
dem Bedenken und der Entscheidung des Konzils übertragen würden. Wenn
438 Das Dokument bei Bucholtz 9, S. 699ff; vgl. Woytyska, Cardinal, S. 214; Kap. 10, S. 721f
439 A. O. Meyer, S. 409f: Borromeo an die Legaten, 30.6. und 6.7.1563; NB II 3, S. 363: Borromeo
an Delfino, 10.7.1563
440 NB II 3, S. 353 (Aus Delfinos Bericht v. 20.6.1563). Unzutreffend ist Lecler, S. 454: „Im Gegen-
satz zu Philipp II. war auch der Kaiser für eine solche Verlegung“.
441 Sickel, S. 540. Zum Problem Jedin, Konzil 4/2, S. 50ff; es wurde schließlich mit Genehmigung
Pius’ IV. ausgeklammert (ebda, S. 67f).
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien