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Die Reformerwartungen zerrinnen 483
tanz der Nationen in den Deputationen übernommen455. Im Geheimen Rat
wurde am 22. Juli beschlossen, Lunas Strategie nicht gutzuheißen und seinem
Herrn die abweichende Meinung des Kaisers darzulegen456.
Es sei hier vorweggenommen, daß Ferdinand einen Monat später zwei weite-
re den spanischen Auffassungen zuwiderlaufende Grundsatzentscheidungen
traf457: Erstens lehnte er Verhandlungen darüber ab, wie man nach dem Konzil
gegen die „Häretiker und Abgewichenen“ vorgehen solle: Insbesondere sei die
Meinung der Kurie ganz abwegig, dafür den weltlichen Arm in die Pflicht neh-
men zu wollen, er könne und wolle sich dafür nicht hergeben, denn es gehe um
die Bewahrung und Vermehrung des katholischen Glaubens und des Friedens,
und er sei gewillt, die zu diesem Zweck mit den Reichsständen vereinbarten
Reichsgesetze und Bestimmungen des Religions- und Profanfriedens zu beach-
ten. Das Bekenntnis zu seiner bisherigen Politik konnte nicht deutlicher sein.
Zweitens wandte er sich gegen einen förmlichen Konzilsbeschluß, alle Dekrete
dem Papst zur Konfirmation vorzulegen, denn das bedeute eine Aushöhlung
der Autorität der Synode. Bis zuletzt hielt er an ihrer Autonomie fest. –
Als jene Briefe an Luna und König Philipp expediert wurden, hatte sich die
Situation schon wieder gründlich geändert. Gleich nach der geglückten Session
am 15. Juli, also ohne die kaiserliche Stellungnahme abzuwarten, war Luna
beim Präsidium vorstellig geworden. Seine Forderungen kollidierten mit des-
sen Absichten, denn Morone war entschlossen, nunmehr alles zu tun, damit das
Konzil „in nicht viel Zeit ein gutes Ende haben könne“458. Den Bischof von
Czanad hatte er beauftragt, des Kaisers Einverständnis einzuholen. Es galt Fer-
dinand zu überzeugen, daß Differenzierung bei den Reformen und ihrer Be-
handlung tunlich sei; dazu kündigte Morone an, in wenigen Tagen werde er die
vorbereitete Reformvorlage einbringen, die alles berücksichtige, was von allge-
meiner Bedeutung für alle Kirchenprovinzen sei. In einem ergänzenden Schrei-
ben führte er die Erwähnung der Kardinäle im soeben verabschiedeten Resi-
denzdekret als Beweis für seinen Willen an, auch die Kurie punktuell in die
Reformen einzubeziehen. Dagegen seien die nur einzelne Provinzen oder Na-
tionen betreffenden Probleme – an deren Erledigung Ferdinand doch genauso
interessiert war – nicht in den Entwurf aufgenommen. Zur Begründung hieß es,
ihre Behandlung werde allzu lange dauern, ohne daß Aussicht auf ihre Bewilli-
gung durch das Konzil bestünde, vielmehr würden sie am Widerstand der Spa-
nier und vieler Italiener scheitern, wie die Ablehnung des Laienkelchs gezeigt
habe. Jene speziellen Reformen im Bereich des positiven Kirchenrechts könne
der Kaiser besser separat beim Papst beantragen, der sie sicher bewilligen und
zuverlässige Bischöfe zur Erteilung der nötigen Dispense bevollmächtigen wer-
455 Über Lunas Briefe v. 11. und 12.7.1563 sind wir nur durch ein Resumee Selds (NB II 3, S. 382
Anm. 5) und die Antwort v. 30.7. (Sickel, Konzil, S. 569f) unterrichtet.
456 HHStA Wien, RHRP 20b, zum Teil zitiert NB II 3, S. 383 Anm.2; approbiert wurde der Brief
an Philipp erst am 30.7. (gedruckt CDI 9, S. 347ff).
457 Sickel, Konzil, S. 591ff: Ferdinand an Luna, 31.8.1563
458 „perchè il concilio possi haver fra non molto tempo qualche buon fine“ (Constant, Légation, S.
195ff = Šusta 4, S. 132ff: Morone an Borromeo, 19.7.1563, das Zitat S. 195 bzw. S. 132).
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien