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Die Reformerwartungen zerrinnen 489
den eher Türken werden als so etwas hinnehmen492. Die Oratoren in Trient
wurden beauftragt, den Legaten zu erklären, als ein katholischer Kaiser habe
Ferdinand niemals die Freiheit und Jurisdiktion des Klerus beeinträchtigt, son-
dern sie beschützt; aber diese Artikel griffen so tief in altes Recht ein und wür-
den, wie beispielsweise die von den französischen Gesandten eingereichten
Einwände493 zeigten, auch den anderen Herrschern Probleme bereiten, darum
müßten sie noch weiter erörtert werden, ehe sie dem Konzil proponiert werden
dürften. Sollten die Legaten über diesen Einspruch hinweggehen, hatten die
Oratoren alle zu Gebote stehenden Mittel und Argumente aufzubieten und im
äußersten Falle nach Kommunikation mit den französischen Gesandten sowie
dem Grafen Luna im Namen des Kaisers feierlich Protest einzulegen mit der
Begründung, durch jenes Kapitel würden Freiheiten, Rechte und alte Gewohn-
heiten des Reichs und der habsburgischen Erblande verletzt494.
Während in Wien diese Stellungnahme erarbeitet wurde, fanden in Trient
laufend informelle Gespräche über die Reformvorlage statt, denn Morone
wollte sie in einer Gestalt einbringen, die lange Diskussionen entbehrlich ma-
chen sollte. Das Kapitel über die „Fürstenreform“ wurde allerdings in diese
Beratungen nicht einbezogen495. Am 20. August brachten Brus und Draskovich
die revidierte, besser geordnete und um etliche Kapitel verminderte Fassung auf
den Weg nach Wien; ihre Bitte, die Bekanntgabe an die Konzilsväter aufzu-
schieben, weil die Meinung des Kaisers zum ersten Entwurf noch nicht einge-
troffen war, wurde nicht berücksichtigt496.
Zwar hatten Ferdinands Vertreter in Trient die Brisanz des Fürstenreform-
Kapitels gleich bemerkt, aber sich mit Einzelkritik an vier Punkten begnügt497.
Das erwies sich als taktischer Schnitzer, denn in der folgenden Kontroverse
zwischen Kaiser und Legaten spielte Morone ihre Zurückhaltung gegen Ferdi-
nands Einwände aus. Als der Erzbischof von Prag den Legaten das negative
Votum Ferdinands und sein Verlangen nach weiterer Bedenkzeit vortrug,
machte Morone ihm eine unerquickliche Szene, indem er den Vorwurf erhob,
der Kaiser maße sich an, dem Konzil Vorschriften zu machen; die Vorlage be-
zeichnete er als lange und gründlich genug erwogen und erklärte, sie werde
entweder als Ganzes, also mit jenem Kapitel, proponiert oder überhaupt
nicht498. Er beschuldigte Ferdinand sogar, die Kurfürsten mit unrichtigen An-
gaben über die Artikel gegen den Heiligen Stuhl aufzuwiegeln und so die Re-
form zu verhindern, auf die er früher vehement gedrängt habe. Und er drohte,
492 Le Laboureur 2, S. 442f: Bochetel an Katharina, 19.8.1563. Vgl. auch VD 3, S. 233: „Li capitoli di
riforma proposito nel concilio esser dispiacciuti all’ Imperator come poco à proposito de far
frutto con la Germania, anzi dannosi.“ (Micheli an Dogen, 25.8.1563)
493 Druck bei Le Plat 6, S. 169ff. Sie waren am 10.8.1563 von den Oratoren übersandt worden
(HHStA Wien, RK RelA 11 Konv. Aug., fol 186r-187v).
494 wie Anm. 480 (fol 202v = Sickel, Konzil, S. 586)
495 Jedin, Konzil 4/2, S. 125
496 Sickel, Konzil, S. 582
497 Zitiert bei Kassowitz, S. XLVI: (L) bis (O); drei davon fanden Selds „Placet“, nur (N) erschien
ihm unzureichend.
498 HHStA Wien, RK RelA 11 Konv. August, fol 233r-237r: Oratoren an F., 29.8.1563 (Auszüge
bei Sickel, Konzil, S. 586ff); vgl. auch Šusta 4, S. 201–203: Legaten an Borromeo, 28.8.1563
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien