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Kapitel 7: Kaiser Ferdinand und die dritte Tagungsperiode des
Tridentinums512
unterstrich, sonst gerate der Frieden im Reich in Gefahr. Ferdinand entschied
im Sinne seiner Berater.
Als er am folgenden Tag Delfino empfing, bediente er sich natürlich lediglich
der politischen Argumente, um – wenn Delfino zuverlässig berichtet hat – ein
ungewöhnlich düsteres Bild zu entwerfen, falls Rom nicht auf seine Einwände
höre651. Seinem Leitmotiv, die Katholiken im Reich vor weiterem Schaden zu
bewahren, stellte er den Argwohn der protestantischen Fürsten gegenüber, der
Papst plane ein Bündnis zur Durchsetzung der Konzilsbeschlüsse; wenn sie
deswegen zum Angriff übergingen, hätten sie so viele Vorteile, daß zur Erhal-
tung der katholischen Kirche in Deutschland ein Wunder geschehen müsse, und
wenn dann auch noch die Türken angriffen, sei die Verteidigung Ungarns nicht
mehr möglich. Die Erwiderung des Nuntius hörte der Kaiser zwar an, verwei-
gerte aber ihre Erörterung mit der Bemerkung, er habe seine Ausführungen
reiflich erwogen. In einer Unterredung, die Delfino danach mit Seld hatte, malte
dieser die gefährliche Situation in Ungarn weiter aus und behauptete, die deut-
schen Protestanten stünden im Einvernehmen mit der Königin von England
und insgeheim auch mit Franzosen. Delfinos Versuch, das päpstliche Zögern zu
erläutern, provozierte die unwillige Reaktion Selds, Kaiser und König wüßten
sehr genau, was Arco öfters aus Rom berichtet, Dudith aus Trient überbracht
und Delfino bei passender und unpassender Gelegenheit ihnen eingeprägt hätte,
und nachdem sie auf Delfinos Anraten einem unauffälligen Verhandlungsmo-
dus zugestimmt hätten, sei es nun an der anderen Seite, die Erwartungen nicht
zu enttäuschen.
Die politische Argumentation wurde in einer ostensiblen Instruktion für Ar-
co fortgesetzt: Die Befürchtungen der Protestanten, der Papst wolle mit Hilfe
der mächtigeren katholischen Herrscher die Konzilsdekrete mit Waffengewalt
durchsetzen, hätten durch die Bemühungen der französischen Regentin um ein
Gipfeltreffen weitere Nahrung erhalten; zum Beweis für die hochgradige Be-
reitschaft der Protestanten, über die geistlichen Fürsten herzufallen, wurde auf
die Aktionen des Herzogs Erich von Braunschweig sowie Grumbachs verwie-
sen652. Die religiösen Zustände im Reich und in den Erblanden duldeten keinen
Aufschub mehr, die Sendung Morones – gegen dessen Persönlichkeit man na-
türlich nichts einzuwenden habe – wurde mit leicht ironischen Wendungen für
überflüssig und unverständlich erklärt653. Selbst in dem an den Papst persönlich
adressierten Brief wurde das bei aller Wahrung der Etikette zum Ausdruck
gebracht654. In der vertraulichen Weisung an Arco aber hieß es, der Kaiser habe
immer jene Punkte gemeint, deren Bewilligung er jetzt vom Papst erwarte, und
Morone habe das bei seinem Versprechen gewußt; die Zustimmung zur Schlie-
ßung des Konzils sei unter diesen Voraussetzungen erfolgt655.
651 Zum Folgenden NB II 4, S. 75ff: Bericht Delfinos v. 27.3.1564 (die Ausführungen Ferdinands S.
77ff)
652 Dazu vgl. Kapitel 8, S. 555f
653 Constant, Concession 2, S. 958ff: F. an Arco, 26.3.1564; vgl. Saftien, S. 56; NB II 4, S. 83
654 Constant, Concession 2, S. 955ff: F. an Pius IV., 26.3.1564
655 Ebda, S. 957f: F. an Arco, 26.3.1564
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien