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Kapitel 7: Kaiser Ferdinand und die dritte Tagungsperiode des
Tridentinums516
Denn eine Woche später erging an Cassander, also einen für seine um Aus-
gleich bemühte Position bekannten Theologen, die Aufforderung, sich umge-
hend nach Wien zu verfügen, um den Kaiser „in einem hochwichtigen Werck,
welches Wir unter Handen haben“ als Gutachter zu beraten und dafür theolo-
gische Bücher, „so auf diese unsere zeit gerichtet“, mitzubringen677. Als Cas-
sander sich aus gesundheitlichen Gründen außerstande erklärte, die Reise zu
unternehmen, erhielt er – teilweise mit den Worten der Proposition für die
Arbeitsgruppe der Theologen – den Auftrag, für ein Honorar von 100 Gulden
ein „Summarium und Auszug“ der katholischen Lehre zu verfassen, wobei er
von denjenigen Artikeln der Confessio Augustana ausgehen sollte, „die von den
Gelehrten beyder Partheyen zur Einigkeit für bekannt angenommen worden
oder aber noch ferner zur Ruhe und Frieden der Kirchen, ohne Verletzung der
Catholischen Wahrheit, nachgelassen werden können“; bei den verbleibenden
Streitfragen sollte kurz und gründlich dargetan werden, warum die katholische
Kirche nicht nachgeben könne. Funktion des Summariums sollte sein, den Pfarrern
und Predigern „in unseren Königreichen und Herrschaften“ als „Richtschnur“ zur
Unterscheidung der wahren Religion von falschen Lehren zu dienen, und das kön-
ne es desto eher leisten, „je anmuthiger, gütiger und friedfertiger“ es abgefaßt sei678.
Witzel und wohl auch Villinus war die gleiche Aufgabe bereits Ende Mai gestellt
worden679. Ihre Lösung hatte Seld im Entwurf der Instruktion für die kaiserlichen
Konzilsoratoren von der allgemeinen Kirchenversammlung erhofft680!
Nicht nur die Parallelen mit der Proposition erlauben keinen Zweifel, daß
Ferdinand den Brief an Cassander, den er zehn Tage vor seinem Tod unter-
zeichnet hat, auch inhaltlich billigte681. Ende Mai hatte er noch einmal versucht,
seinem Neffen in Spanien die Notwendigkeit der Konzessionen für den Erhalt
der katholischen Religion in Deutschland zu verdeutlichen und dabei – was er
sonst nicht zu tun pflegte – als Kronzeugen für die Vertretbarkeit seiner Politik
die Entscheidung Karls V. angeführt, nach dem Sieg im Schmalkaldischen Krieg
den damaligen Papst Paul III. zur Genehmigung des Abendmahls unter beider-
lei Gestalt zu bestimmen682.
So steht am Ende der religionspolitischen Aktivitäten Kaiser Ferdinands I.
noch einmal ein Ansatz, durch Hervorhebung des allen Christen Gemeinsamen
Vorarbeit für die Wiederherstellung der Glaubenseinheit zu leisten.
677 F. an Cassander, 22.5.1564 (Druck bei Senckenberg, S. 110f)
678 Ebda, S. 113ff: F. an Cassander, 15.7.1564; vgl. Heppe 2, S. 57ff
679 Trusen, Reform, S. 35f; Holtzmann, S. 521
680 s. oben, S. 419
681 Nach allen Zeugnissen war er bis zuletzt im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.
682 CDI 101, S. 76ff: F. an Philipp, 24.5.1564
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien