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Aktivitäten zur Friedenssicherung seit 1558 543
Ferdinand gehofft haben, daß sie nicht als Versuch zur Vermehrung der kaiser-
lichen Macht interpretiert werden würde.
Kurfürst August reagierte zuerst ausweichend mit der wohlfeilen Anregung,
die Kurfürsten am Rhein aufzufordern, sie sollten das Kriegsvolk nicht in ge-
schlossenen Verbänden über den Rhein lassen, und die Kreise zu erhöhter
Wachsamkeit zu mahnen184. Als Markgraf Hans aber darauf insistierte, er möge
erklären, auf wieviel Hilfe von seiner Seite man rechnen könne185, unterbreitete
August den Gegenvorschlag, der Kaiser solle für etwa drei Monate eine Truppe
von 1500 bis 2000 erfahrenen Berittenen unter tüchtigen Offizieren aufstellen
und im Namen von Kaiser und Reich am Rhein stationieren mit der Weisung,
heimkehrende Haufen zu zerstreuen. Die Stände sollten zu einer angemessenen
Besoldung beitragen; ein solches Kontingent sei insgesamt billiger und effekti-
ver als die zersplitterten Aufgebote der Stände186. Weitere Argumente machte er
gegenüber Landgraf Philipp geltend: Die Kreishilfe sei viel zu langsam, zudem
bestehe das Risiko, ob die Fürsten im Notfall einander rechtzeitig zu Hilfe
kämen. Um alle Bedenken des Hessen zu zerstreuen, wollte August dem Kaiser
vorschlagen, Philipps ältesten Sohn, den Landgrafen Wilhelm, mit dem Kom-
mando über die Reichstruppe zu beauftragen187.
In der Sache waren diese sächsischen Vorschläge keineswegs neu, ein ähnli-
ches Projekt war im Sommer 1555 in Augsburg vom Fürstenrat diskutiert, vom
Kurfürstenrat aber blockiert worden188. Kaiser Ferdinand ging auf das Aner-
bieten diesmal nicht ein. Die Zustimmung der Reichsstände war wenig wahr-
scheinlich189, kurzfristig hätte es sich schwerlich realisieren lassen, schon in
Ermangelung eines geeigneten Befehlshabers190. Die Reaktion Augusts bewer-
tete er anscheinend als Ausweichmanöver und folgerte, der Wettiner wolle sich
nicht engagieren; die Anregung, der Landsberger Bund solle mit dem Kurfür-
sten August für den Verteidigungsfall engeres Zusammenwirken („ain guete
correspondet“) vereinbaren, kommentierte er, „das noch zur zeit nit viel
dienstlichs erlangt werden möcht“191. Auf dem Landsberger Bundestag im No-
vember 1558 regten Österreichs Vertreter Zasius, Gienger und Wilhelm von
Waldburg die Aufstellung einer Reitertruppe „im Namen des Kaisers“ zur Be-
obachtung der heimkehrenden Söldnerhaufen an, und sie konnten trotz man-
cher Bedenken Herzog Albrechts einige präventive Beschlüsse erreichen; Zasius
begründete ihre Notwendigkeit damit, wenn es zu einer neuen Krise im Reich
184 HStA Marburg, PA 2809, fol 83r-88v: Erste Antwort Augusts, 11.10.1558 (Kopie)
185 Ebda, fol 89r-92v: Replik des Markgrafen Hans v. 11.10.1558 (Kopie)
186 Ebda, fol 93r-98v: Zweite Antwort Augusts, 11.10.1558 (Kopie); vgl. Heidenhain, Beiträge, S. 60
u. 135.
187 HStA Marburg, ebda, fol 75r-78v: August an Philipp, 18.10.1558 (Or.)
188 s. oben Kapitel 1, S. 108f
189 Schon bei Landgraf Philipp stieß August auf große Bedenken (ebda, fol 108r-111r: Philipp an
August, 25.10.1558).
190 Landgraf Wilhelm lehnte – ebenso wie sein Vater – den Gedanken ab, den Oberbefehl über eine
Reichstruppe zu übernehmen (ebda, PA 2811, fol 16r-17r: August an Philipp, 6.11.1558).
191 Goetz, Beiträge, S. 139 Anm. 2 (F. an Zasius, 3.11.1558); an eine engere Verbindung scheint der
venezianischen Vertreter geglaubt zu haben (VD 3, S.78f).
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien