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Kapitel 9: Die Sicherung der Nachfolge im
Reich592
unterstützte Ferdinand auch diesmal das Anliegen seines Sohnes, und um ganz
sicher zu gehen, daß der Papst seine Wünsche persönlich zur Kenntnis nehme,
gab er dem Gesandten eine von einem Schreiber seines Vertrauens angefertigte
leserliche Kopie mit142. Die Anwendung dieses Verfahrens ist ein deutliches
Indiz dafür, daß dem Kaiser die Angelegenheit äußerst wichtig war143. Läßt
man die wortreichen, sicher aufrichtigen Beteuerungen seiner Betroffenheit
wegen des unziemlichen Verlangens und die Ausführungen, was er getan habe,
um Maximilian davon abzubringen, beiseite, so erkennt man als Tenor des kai-
serlichen Schreibens, den päpstlichen Dispens nicht nur als seelsorgerliche,
sondern auch als politische Notwendigkeit darzustellen. Ferdinand wählte als
Ausgangspunkt die ein halbes Jahr zurückliegende Weigerung Maximilians,
dem ungarischen Krönungsordo entsprechend öffentlich die Kommunion sub
una zu empfangen, weshalb das Vorhaben auf unbestimmte Zeit hatte verscho-
ben werden müssen, und beschränkte den Antrag darauf, daß Maximilian wäh-
rend der ungarischen Krönung öffentlich gar nicht und stattdessen vorher
heimlich unter beiderlei Gestalt kommunizieren dürfe. Indem er darauf ver-
wies, wegen der Usurpierung des ungarischen Königstitels durch Johann Sigis-
mund Zapolya sei die baldige Krönung Maximilians in Ungarn dringend erfor-
derlich, und die Gefahr beschwor, ohne den Dispens werde Maximilian trotz-
dem heimlich sub utraque kommunizieren, infolge solchen absichtlichen Unge-
horsams gegen den Papst zum Schismatiker werden, sich später ganz von der
Kirche trennen und durch sein Vorbild viele Seelen ins Verderben bringen,
bürdete er dem Papst die Verantwortung für alle diese negativen Folgen einer
Ablehnung der Bitte auf. Und indem er zweimal mehrere Dispense – wie schon
im Vorjahr – anführte, die frühere Päpste gewährt hatten, machte er deutlich,
daß man eigentlich kein Verständnis für die Verweigerung habe. Die angebliche
Eilbedürftigkeit der ungarischen Krönung wegen der von Zapolya erhobenen
Ansprüche hatte zweifellos auch eine ablenkende Funktion, denn sie waren
keineswegs neu, und im Herbst 1561 war die Krönung in Ungarn in der habs-
burgischen Politik nicht aktuell. Was dagegen möglicherweise bald anstand, war
die Krönung zum Römischen König, aber davon ließ Ferdinand nichts verlau-
ten. Bei seiner eigenen Krönung in Aachen hat Ferdinand anscheinend die
Kommunion sub una erhalten144. Sollte er gewußt haben, daß vor der Zeit
Friedrichs III. die Kaiser den Kelch empfangen hatten145, so war es sicher
wohlüberlegt, jetzt nicht daran anzuknüpfen, um nicht die Antwort zu provo-
zieren, damals hätten andere Verhältnisse bestanden.
Im Unterschied zum Frühjahr 1560 hatte der Kaiser diesmal Erfolg. Am 5.
Januar 1562 war er im Besitz eines geheim zu haltenden Breves, in dem Pius IV.
ihn bevollmächtigte, dem Sohn die Kommunion sub utraque zu gestatten, wenn
142 Nach dem Original gedruckt bei Schlecht, S. 28ff. Die wegen seiner schlechten Handschrift von
Ferdinand veranlaßte und dem Papst mitgeschickte Kopie ist Grundlage der Edition in NB II 1,
S. 315–318; die kaiserliche Beglaubigung der Kopie ebda, S. 317f, als Nachtrag.
143 Vgl. dazu Laubach, Mahnschreiben, S. 93f. Ferdinand begründete sein Verfahren damit, er habe
erfahren, daß der Papst seinen letzten eigenhändigen Brief nicht habe lesen können.
144 Reuter-Pettenberg, S. 45
145 Nach Kugler, Reichskrone, S. 51, auch Karl V.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien