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Vorbemerkung 619
Beraten wurden die außenpolitischen Angelegenheiten im Geheimen Rat,
dort wurde der Tenor der Antworten auf Schreiben auswärtiger Herrscher oder
auf Berichte der Gesandten festgelegt und protokolliert8. Mit Sigismund von
Herberstein gehörte diesem Gremium nominell auch ein erfahrener Diplomat
an, doch dürfte er aus Alters- und Krankheitsgründen in Ferdinands Kaiserzeit
nicht mehr an den Beratungen teilgenommen haben9. Mit den meisten Mächten
verkehrte Ferdinand noch in seinen Kaiserjahren auf „mittelalterliche“ Weise
allein durch Sondergesandtschaften, deren Auftrag die Regelung bestimmter
begrenzter Probleme war. Ständig residierende Botschafter waren nur bei der
Signorie in Venedig, bei der Kurie in Rom (erst seit 1560) und zeitweise bei
Philipp II. von Spanien eingesetzt. Der Aufenthalt seiner Gesandten bei der
Hohen Pforte dauerte zwar manchmal Jahre, doch war das nicht beabsichtigt,
sondern durch die Haltung der osmanischen Regierung verursacht, die zwecks
Ausübung von Druck oder als Zeichen von Verstimmung vor längerer Arrestie-
rung von Diplomaten nicht zurückschreckte. Zu längeren Verweilzeiten, die
einen Übergang zur ständigen Gesandtschaft ankündigen, kam es ferner am
polnischen Hof, was auch dadurch bedingt war, daß das Verhältnis des Königs
zu seiner Gemahlin, seit 1553 Ferdinands Tochter Katharina, beobachtet wer-
den sollte10. Ob ein Gesandter als Vertreter des Kaisers als Reichsoberhaupt
oder Ferdinands als österreichischer Landesherr fungierte, war bei den ost- und
südosteuropäischen Mächten nicht sauber zu trennen, obwohl man sich des
Unterschieds bewußt war.
Folge der geringen diplomatischen Präsenz war, daß dem Kaiser die regel-
mäßige Berichterstattung von vielen politischen Zentren Europas fehlte – und
dem Historiker die regelmäßigen Instruktionen fehlen, aus denen sich außen-
politische Konzeptionen ableiten ließen. Stattdessen ist man auf die Berichte der
Diplomaten jener Mächte angewiesen – sofern sie erhalten sind –, die ihrerseits
ständige Vertreter am Kaiserhof unterhielten, die aber die Wiener Politik ja nur
so weit widerspiegeln, als sie ihnen in diplomatischen Formen bekannt wurde
oder von ihnen aus schwer überprüfbaren Informationen und eigenen Beob-
achtungen erschlossen wurde. Der Hof Kaiser Ferdinands I. war zweifellos kein
Zentrum der internationalen Politik.
Wechselseitige Abhängigkeiten zwischen den genannten Bereichen gibt es in
Ferdinands Kaiserjahren selten. Daher erscheint es vertretbar, das Kapitel nach
Regionen zu gliedern. Ferdinands Handhabung des auch in Italien und gegen-
über Polen eingesetzten Instruments der dynastischen Heirat soll in einem ei-
genen Abschnitt zusammengefaßt werden. In einem ersten Schritt wird Ferdi-
nands Haltung zu multilateralen Problemen in Europa betrachtet.
8 Picard, S. 43f; vgl. dazu Groß, S. 237f u. 241f über die Bände 20b und 18 der Reichshofratspro-
tokolle im HHStA Wien.
9 Picard, S. 34
10 Picard, S. 99f
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien