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Beziehungen zu Frankreich 663
Verdun. Frankreichs Beziehungen zur Pforte boten immer wieder Anlaß zu
Mißtrauen, man erfuhr von oder glaubte an französische Intrigen gegen die
habsburgische Politik im Südosten Europas364. Auch mußte Ferdinand – ebenso
wie vor ihm Karl V. – ständig mit der Tatsache rechnen, daß manche Reichs-
stände ihre eigenen Kontakte zu der Großmacht im Westen unterhielten und
Frankreichpolitik trieben, die mit den Interessen des Reiches, wie ein Habsbur-
ger sie verstand, manchmal kaum in Einklang zu bringen war. Das galt in be-
sonderem Maß für die beiden Kurfürsten von der Pfalz, Ottheinrich und nach
ihm Friedrich III., sowie für Christoph von Württemberg und Philipp von
Hessen365. Ferner waren die Truppenwerbungen der französischen Bürger-
kriegsparteien im Reich ein ständiger Anlaß zur Beunruhigung. Andererseits
war Ferdinand daran gelegen, mit den großen katholischen Mächten zu einer
Kooperation in der Konzilspolitik zu kommen. Die Entwicklung der religiösen
Verhältnisse in Frankreich beobachtete er mit großer Sorge. Aus diesen Grün-
den bemühte er sich, Einfluß auf die Religionspolitik der französischen Krone
zu gewinnen. Weil durch das Anwachsen der hugenottischen Gemeinden nun
auch in Frankreich die religiöse Einheit nicht mehr gegeben war, bestand bei
den Leitern der französischen Politik ein ähnliches Interesse. So verfolgten
beide Mächte in der Konzilspolitik zeitweilig ganz ähnliche Ziele, aber zu festen
Absprachen kam es nicht. Zum Leidwesen der Regentin Katharina von Medici
unterließ es Ferdinand, einen ständigen Botschafter an den französischen Hof
abzuordnen366, stattdessen begnügte er sich mit Sondergesandten bei bestimm-
ten Anlässen oder bediente sich des spanischen Botschafters Chantonnay367.
Dagegen war seit dem Sommer 1560 Bernard Bochetel, Bischof von Rennes,
zuerst als Sondergesandter, später als ständiger Botschafter der Krone Frank-
reich am Kaiserhof tätig368. Bis zu seinem Lebensende behielt Ferdinand von
Frankreich und der französischen Politik eine geringe Meinung, wie seine ab-
schätzige Bemerkung belegt, wer sich mit Frankreich einlasse, habe am Ende
immer Schaden davon369.
Der Krieg, den Heinrich II. seit 1552 gegen Karl V. führte, richtete sich nach
Ansicht des französischen Königs nur gegen den Herrscher über die Frankreich
umklammernden Länder, nicht aber gegen das Reich als Gesamtheit der Reichs-
stände. Ferdinand sah das selbstverständlich anders. Nach seiner Auffassung
befand sich, weil der Kaiser angegriffen worden war, auch das ganze Reich im
Kriegszustand mit Frankreich. Während des Augsburger Reichstages von 1555
364 Zwei bezeichnende Beispiele in Briefen Katharinas an Bochetel v. 12.1.1563 (Ferrière 1, S.471ff)
bzw. v.18.7.1564 (Le Laboureur 1, S. 789f): er soll dementieren, daß Frankreich Verbindungen
zu Zapolya, im zweiten Fall zu dem Korsaren Dragut habe.
365 Zur Frankreichpolitik dieser Reichsstände die Aufsätze von Pariset, Wirsching und Heidenhain;
für Kurfürst Ottheinrich vgl. Kurze, S. 44ff.
366 Zeller 2, S. 58f; Katharinas Enttäuschung in ihrem Brief an Bochetel v. 6.6.1561 (Ferrière 1, S.
203f)
367 Chantonnay war ein Bruder des Bischofs von Arras (Chudoba, Spain, S. 132). In einem Glück-
wunsch (v. 12.6.1559) zu seiner Ernennung drückte Ferdinand die Hoffnung aus, jener werde
auch ihm weiter gute Dienste leisten (HHStA Wien, Spanien Dipl. Korr. 5, fol 105).
368 Zu Person und Karriere Bochetels Meyenhofer, S. 162ff
369 Chmel, Antwort, S. 146f
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien