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Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel684
die einen Waffenstillstand oder gar Frieden erwirken möge, Appelle an die be-
nachbarten christlichen Herrscher und die Hanse, die Livländer zu unterstüt-
zen, Ermahnungen der Hansestädte und auch Englands, keine Waffen und an-
deres Kriegsgerät nach Rußland zu liefern. Das waren Schritte, die Ferdinand
ohne den Reichstag tun konnte. Aber erst im Herbst 1558, also mehrere Monate
nach den russischen Erfolgen, wandte er sich an die Könige von Schweden und
Polen mit dem Anliegen, dem Ordensmeister beizustehen, „dieweil nun beru-
erte Lifflande unns dem heiligen Reich dermassen vern entlegen, das inen ditz
orts in disen iren obliegenden nöthen, furnemlich jetzmallen in eill kein sondere
hulff mitgetheilet werden kan“526. Neben dem polemischen Schreckbild, der
Großfürst beabsichtige, „die Lifflande durch sein macht der cristenheit zu ent-
wendenn unnd under sein barbarisch joch zu zwingen“, und man könne sich
ausmalen, welche Gefahr den angrenzenden christlichen Staaten drohe527, wenn
er Erfolg habe, setzte er die politische Prognose, jener wolle ganz Livland ha-
ben, „damit er also der Ost Seehe auch mechtig werde“. Vom Schwedenkönig
erhielt Ferdinand die Antwort, der Orden habe sein Schicksal selbst verschul-
det, weil er einen „löchrigen“ Frieden mit dem Zaren geschlossen habe528. Von
Sigismund August kam die Kritik, man hätte ihn im Vorjahr handeln lassen
sollen, denn was er damals hätte erreichen können, habe nun der Großfürst –
und zwar zum Nachteil der Christenheit – getan, nämlich seine Macht durch
Erwerb jener Provinzen vermehrt; es sei Sache des Kaisers zu überlegen, wie
Livland schnell und wirksam vor den russischen Waffen beschützt werden
könne, denn Polen müsse sich an seine Verträge halten529. Im Frühjahr 1559
stieß der Polenkönig nach, indem er dem Kaiser vorhalten ließ, der wieder auf-
geflammte Krieg in Livland bedrohe auch seine Lande, deshalb müsse der Kai-
ser dafür sorgen, daß jenen zum Reich gehörenden Provinzen Hilfe geleistet
werde; auch diesmal fehlte die vorwurfsvolle Erinnerung nicht, er sei nur auf
des Kaisers Wunsch nicht in Livland einmarschiert530. Ferdinand verteidigte in
seiner Antwort seine Politik von 1557, er habe vom Krieg abgeraten, um in
Europa die Ruhe zu bewahren, und damals im Einvernehmen mit den Reichs-
ständen gehandelt. Auch jetzt werde über die ihn bestürzende Entwicklung in
Livland nach Beratungen mit dem Reichstag entschieden, „quomodo huic malo
occurrendum sit“531.
526 HHStA Wien, Polonica 9 Konv. VII, fol 7r-10r: F an König Sigismund August, 11.9.1558;
Schirren 1, S. 254–258, F. an König Gustav Wasa von Schweden. Die Zitate nach Schirren.
527 Zum Bild des Abendlandes von Iwan IV. vgl. Kappeler, passim. Früher als in den Flugschriften
faßbar benutzt Ferdinand neben dem Klischee vom Zaren als Tyrann – das findet sich schon bei
Herberstein (ebda, S. 27), dessen Ansichten er sicherlich gekannt hat – auch die sonst auf den
Sultan gemünzten Bezeichnungen „Erbfeind“ der Christenheit und Barbar (S. 231 u. S. 241).
528 Dreyer, S. 66
529 HHStA Wien, ebda, fol 14r/v: Antwort des polnischen Gesandten Cromer an Ferdinand, Okto-
ber 1558
530 HHStA Wien, Polonica 9, 1559 Konv. A, fol 22r/v: Sigismund August an Cromer, Krakau,
1.3.1559 (Kopie)
531 Ebda, fol 37r-38r: Konzept des Antwortschreibens, sowie fol 23v: Vermerk Selds (7.4.1559) über
die erteilte Antwort.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien