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Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel692
Kaiser Maximilian und Karl werde es genügen, ein Mitglied aus dem Stand der
Grafen und Herren sowie einige adlige und gelehrte Räte zu schicken577. Pro-
bleme sah er bei der Instruktion: Sie dürfe keine Drohungen enthalten, weil sie
den erfolgverwöhnten Zaren weder beeindrucken würden noch verwirklicht
werden könnten, darum würden sie dem Reich eher „zu verclainerung,
schimpff und spott geraichen“ und den Gegner allenfalls reizen. Ferdinand
hatte also aus der barschen Antwort Iwans IV. auf sein erstes Schreiben eine
Lehre gezogen. Wohl sollte die Einstellung der Feindseligkeiten verlangt wer-
den, aber Ferdinand war einverstanden, den Gesandten Vollmacht zu geben,
über einen Frieden zu verhandeln oder einen Waffenstillstand abzuschließen,
auch wenn die Bedingungen „etwas beschwerlich“ sein sollten. Von einer
abermaligen Einladung an die anderen europäischen Herrscher, sich an der
diplomatischen Aktion zu beteiligen, hielt man in Wien nach den gemachten
Erfahrungen nichts mehr und lehnte sie mit der Begründung ab, das würde zu
viel Zeit beanspruchen, außerdem hätten die einen Bündnisse oder Verträge mit
dem Zaren, während andere sich im Kriegszustand mit Moskau befänden578.
Dem Kaiser war es natürlich genehm, daß nun auch von den Reichsständen
ein Mandat gewünscht wurde, das den Export kriegswichtiger Güter nach
Rußland grundsätzlich verbieten sollte, bedeutete es doch eine Bestätigung
seiner bereits eingenommenen Position, ebenso die Anregung, bisherige ab-
sichtliche Verstöße gegen sein Gebot mit Strafe zu belegen. So gab er noch vor
dem Ende des Deputationstages erst ein entsprechendes allgemeines Verbot
heraus579 und danach ein besonderes Mandat an Lübeck, das den Vorwurf er-
hob, die Stadt habe im letzten Sommer den Feind mit unerlaubten Lieferungen
so gefördert, daß er den besten Teil Livlands habe einnehmen können580. Und
er erklärte sich bereit, ausländische Herrscher darum zu ersuchen, den
„Moskowiter“ nicht durch Zufuhr von Waffen, Munition und Proviant zu stär-
ken581. In diesen Zusammenhang gehört ferner die Weisung an Arco in Rom,
der dort kursierenden Interpretation entgegenzutreten, der Zar habe Siege über
die Lutheraner erfochten, und zu verdeutlichen, der „Moskowiter“ führe in
Wahrheit einen grausamen Krieg gegen den Deutschen Orden in Livland; zu-
gleich sollte Arco gegen den Plan des Papstes Einspruch erheben, eine Gesandt-
schaft nach Moskau zu schicken582.
Die meisten Probleme hatte man in Wien mit dem auch unter den deputier-
ten Ständen noch umstrittenen Vorschlag, die Reichshilfe zu vervielfachen583.
Ferdinand befürchtete, daß infolgedessen weitere Türkenhilfe abgelehnt oder
577 Seld notierte dazu den Baron von Pollweiler. Im übrigen verdeutlichen diese Bemerkungen, daß
Hoffmanns Mission nicht als Gesandtschaft im eigentliche Sinne angesehen worden ist.
578 Dänemark und Polen fanden zuerst noch Zustimmung: „placent. Die andern sind zu weitt
gesessen, haben zum teil selbs krieg mitt Moscaw“ (so Seld, wie Anm. 574, fol 113r).
579 Bienemann 5, Nr. 994, S. XLII (nur als Regest), eventuell vordatiert, denn im Protokoll Hallers
steht es bei den Beschlüssen vom 25.11.1560.
580 Bienemann 4, Nr. 691, S. 165ff
581 Seld merkte vor: Niederlande, England, Polen, Dänemark, Schweden (fol 114r).
582 Sickel, Konzil, S. 135f: F. an Arco, 14.11.1560; vgl. Übersberger, S. 346
583 Zur Debatte stand eine Aufstockung um 200000 Gulden (Stevenson 3, S. 384, engl. Bericht aus
Heidelberg v. 7.11.1560) oder sogar um 400000 Gulden (M. Wagner, S. 173).
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien