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Die baltische Frage 697
das, was er in die Wege geleitet habe, beantworten konnte606. Infolgedessen
stieg die Neigung der Livländer, auf die polnischen Angebote und Bedingungen
einzugehen607. Das wiederum verminderte die Bereitschaft der Reichsstände
weiter608.
Außerdem haperte es an der Kommunikation zwischen Kaiserhof und den
drei mit der Abwicklung der Livlandhilfe betrauten Ständen: Am 15. Juni 1561
erregte es im Reichshofrat Befremden, daß ein von ihnen eingegangenes Schrei-
ben mehrere Punkte in einer Weise ansprach, als ob sie die im Januar verfaßten
Vorschläge des Kaisers nicht erhalten hätten, und in der Antwort mußte Ferdi-
nand feststellen, daß die bewilligten Gelder bisher weder kreditiert geschweige
denn in nennenswerter Höhe entrichtet worden waren, so daß man auch keine
Truppen hatte aufstellen können609. Sein daraufhin an die Livland nächstliegen-
den Reichskreise gerichtetes Ersuchen, Truppen und Kriegsgerät dorthin zu
schicken, mußte er mit der Bitte koppeln, bis auf weiteres auch die Unkosten zu
übernehmen610, womit kaum zu rechnen war. Kurfürst Friedrich von der Pfalz
erklärte eine Woche später Ferdinands Gesandten, da die Livländer mit Polen
und Dänemark verhandelten, brauche das Reich dort nicht einzugreifen, und
sein Mainzer Kollege dachte genauso611. Das Treffen in Leipzig, das die Reichs-
gesandtschaft hatte abfertigen sollen, kam erst im September zustande und
mußte feststellen, daß weder bei den Finanzen noch infolgedessen bei der Auf-
stellung der Hilfstruppen Fortschritte erzielt worden waren612. Ferdinand sah
sich schon vorher veranlaßt, dem Ordensmeister mitzuteilen, es sei nicht sein
Verschulden, daß sich die Reichshilfe so verzögerte613.
Anfang Oktober wurde im Reichshofrat bereits die Nachricht besprochen,
„das die Liefflender sich an Poln“ ergeben“, und die Prognose gestellt, vom
Reich werde ihnen nun keine Hilfe mehr zuteil werden614. Den Kurfürsten
sowie den drei „deputierten“ Fürsten wurde die Information mit der Bemer-
kung weitergeleitet, der Kaiser werde nun nichts mehr zum Vollzug des Ab-
schieds unternehmen615. Der Eintritt der Reste des livländischen Ordensstaates
in den polnischen Lehnsverband war seit September in der Tat eine beschlosse-
ne Sache, auch wenn es noch zwei Monate dauerte, bis die „Pacta subjectionis“
in Wilna unterzeichnet wurden616. Der in Wilna anwesende Sauermann be-
606 Kettler an F., 8.3.1561 in MLA 5, S. 740ff; weitere Schreiben ergeben sich aus Einträgen im
HHStA Wien, RHRP 19, z.B. fol 57r, 59r, 107r; kaiserliche Antworten bei Bienemann 4, S. 266f,
348ff, 356ff
607 Rasmussen, S. 211f
608 Vgl. dazu Schneider, Kreis, S. 108 u. S. 110ff über die Tagungen des niedersächsischen und des
niederrheinisch-westfälischen Kreises.
609 HHStA Wien, RHRP 19, fol 68v/69r
610 M. Wagner, S. 176f
611 Kluckhohn 1, S. 186
612 Bienemann 5, S. 94ff (Abschied des Leipziger Tages); Erdmann, Ferdinand I., S. 21 (Auszug aus
dem Bericht der kaiserlichen Vertreter).
613 HHStA Wien, RHRP 19, fol 107v: Eintrag zum 31.8.1561
614 HHStA Wien, RHRP 19, fol 164v/165r: Eintrag zum 5.10.1561, betr. Antwort auf Anfragen
Christophs v. Mecklenburg, des Koadjutors von Riga.
615 Ebda: Eintrag zum 10.10.1561
616 Rasmussen, S. 217ff; Arnell, S. 221; Wittram, S. 70f
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien