Seite - 716 - in Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
Bild der Seite - 716 -
Text der Seite - 716 -
Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel716
diesem Schritt, weil sie von dem Besuch den Durchbruch erwarteten. Auch
Margarete von Parma, die neue Regentin Philipps II. in den Niederlanden, und
der Bischof von Arras empfahlen, Karl wenigstens nach Brüssel zu schicken,
damit sich seine Reise nach England im Bedarfsfall schnell arrangieren ließe755.
Ferdinand aber sah darin eine Vorleistung, die zu erbringen er ablehnte, so-
lange sich Elisabeth nicht verbindlicher zugunsten der Heirat mit Karl geäußert
hatte756. Immerhin bewogen ihn die optimistischen Berichte der Beobachter in
London, die bislang – aus unpolitischen Gründen – verschobene Abordnung
des höherrangigen Gesandten jetzt durchzuführen. Ausersehen dazu war wie-
derum Helfenstein. Die Instruktion für den Grafen ist aufschlußreich, denn sie
dokumentiert einerseits die Motive Ferdinands für das englische Heiratsprojekt
und läßt andererseits erkennen, wie unsicher er weiterhin bei der Beurteilung
der ihm so fremden englischen Verhältnisse war. Darum wartete er mit der
Ausfertigung die Rückkehr des gerade verreisten Seld ab, der von seinen Räten
zur Zeit der Anknüpfung Karls V. mit England am Kaiserhof in Brüssel tätig
gewesen war757.
Helfenstein wurde angewiesen758, sich zunächst in Brüssel genau zu infor-
mieren, ob sich in England in jüngster Zeit wesentliche Änderungen ereignet
hätten. Er sollte sich der englischen Königin als ständiger Gesandter und An-
sprechpartner für alle das Reich, die Erblande und die Christenheit tangieren-
den Fragen vorstellen; die Intention war, daß es dann nicht sofort – durch seine
Verabschiedung – öffentlich bekannt würde, wenn man bei dem eigentlichen
Zweck der Mission, der Erneuerung des Heiratsantrages, wieder einen Mißer-
folg erlitt. Es wurde in Helfensteins Ermessen gestellt, ob die Ausführung die-
ses Auftrages schon beim ersten Empfang oder erst bei einer späteren Audienz
angebracht sei, doch bei Gefahr im Verzuge sollte er sofort handeln759. Die
Wiederholung wurde damit begründet, man habe erfahren, daß die Königin in
der Frage ihrer Verheiratung durch göttliche Erleuchtung anderen Sinnes ge-
worden sei, die Vorteile der Eheverbindung für beide Seiten wurden abermals
ausgeführt, doch waren Anspielungen auf die veränderte politische Lage auf der
britischen Insel sorgsam vermieden. Sehr präzise waren die Weisungen zu den
drei heikelsten Punkten des zu schließenden Heiratsvertrages: (1) Jede direkte
oder indirekte Forderung nach einem Übertritt Karls zur „anderen Religion“
war abzulehnen und lediglich zuzugestehen, beide Ehegatten sollten sich gegen-
seitig in der Ausübung ihrer Religion nicht behindern. Es war indessen zwei-
fellos aufrichtig, wenn Ferdinand hinzufügte, er hoffe, daß seine und anderer
Fürsten Bemühungen um die Wiederherstellung der Eintracht in der Religion
755 Diemer, S. 48 Anm.- Philipp II. begab sich im August nach Spanien, wodurch der relativ zügige
Gedankenaustausch mit ihm das Ende fand.
756 HHStA Wien, Belgica 89, fol 9r/v: F. an Margarete v. Parma, 26.9.1559; vgl. Wertheimer, S. 417
mit Anm. 5
757 So am 25.9.1559 gegenüber Herzog Albrecht (BHStA München, KÄA 4460, fol 161r/v, eigh.
Or.); Diemer, S. 48
758 Die Instruktion ist ediert von Diemer, S. 295–303
759 „...si periculum in mora foret, ne propter longiorem dissimulationem et cunctationem aliqua rei
benegerendae occasio elabatur.“ (Diemer, S. 298)
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien