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Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel720
milian, damit er sich beim Kaiser für ein rasches Erscheinen Karls in England
einsetze781. Indessen lautete die offizielle Antwort der englischen Königin, die
Breuner ebenfalls überbrachte, abermals, sie verspüre keinerlei Neigung zur
Ehe782.
Nun setzte sich in Wien Selds Erkenntnis durch, daß der Optimismus Hel-
fensteins und Breuners unberechtigt war und Elisabeth sie aus politischen Er-
wägungen hinhalte783. Nach längeren Überlegungen und Erörterungen ent-
schied Ferdinand, die Angelegenheit nicht mehr weiter zu verfolgen, und teilte
dies auch der Regentin der Niederlande mit, wobei er den Wankelmut der eng-
lischen Königin als einen Grund nannte784. Die Erwiderung des Kaisers an Eli-
sabeth wahrte natürlich höflichste Formen: Er bedauere ihre Haltung zwar
sehr, wolle sie aber, obwohl doch so viele Aspekte für die eheliche Verbindung
mit seinem Sohn sprächen, nicht drängen, sondern respektiere ihren Willen; zur
Bekräftigung der gegenseitigen Freundschaft solle Helfenstein an ihrem Hofe
bleiben785. Der Graf erhielt die Weisung, da die Sache unsicherer sei als je zu-
vor, solle er von sich aus das Heiratsthema nicht mehr ansprechen und sehr
vorsichtig antworten, wenn die Königin darauf zurückkäme. Seine wichtigen
Aufgaben sollten künftig sein, die Stimmung der „Magnaten“ des Königreiches
nach Möglichkeit zugunsten der kaiserlichen Sache zu beeinflussen und im
übrigen die politische Entwicklung, vor allem das Verhältnis Elisabeths zu den
schottischen Rebellen, zu beobachten und etwaige Beziehungen zu deutschen
protestantischen Fürsten zu erkunden786. Es war offenbar Ferdinands eigene
Entscheidung, auf diese Weise die Kommunikation mit London aufrechtzuhal-
ten, also gleichsam den Fuß noch in der englischen Tür stehen zu lassen. Von
seinen Bedingungen wollte er nicht abgehen, vielmehr bekräftigte er auf eine
Rückfrage Helfensteins, vor einer Verständigung über die wichtigsten Punkte,
Religion und finanzielle Ausstattung, werde Karl keinesfalls nach England
kommen, um ihn nicht der Gefahr auszusetzen, erpreßt zu werden787. Noch
Ende März ließ er dem englischen Agenten im Reich, Dr. Christoph Mundt,
durch Zasius die Vorteile der intendierten Heirat auseinandersetzen und das
Angebot wiederholen, Karl werde die in England gültigen Religionsgesetze
respektieren788. Erst nachdem Helfenstein selbst sein weiteres Verweilen in
781 HHStA Wien, England Varia 4, Konv. 1560–1567, fol 1r/v: Helfenstein an Maximilian,
16.1.1560
782 HHStA Wien, England, Hofkorr. 2, fol 6r + 8r-9r: Elisabeth an F., 11.1.1560
783 „Der Graf und er [Breuner] geben noch immerzu hoffnung zu der handlung. Aber die Kay.Mt.
und wir andere versteen es vil anders, nämlich das sie ir leben lang nie kainen willen daher zu
heuratten gehapt, und noch nitt hab. Sonder allain das sie der Kay. Mt. das maul aufgespreizt,
und dasselb zu irem vortail, als ire aigne undertonen fürnemlich die Catholische, sampt dem kö-
nig von Hispanien bey guttem willen dardurch zu erhalten. Und also die Franzosen desto meer
damitt zu schrecken.“ (BHStA München KÄA 4306, fol 405r: Seld an Herzog Albrecht,
14.2.1560)
784 HHStA Wien, Belgica 89, fol 22r/v: F. an Margarete von Parma, 11.2.1560
785 Ebda, England, Hofkorr. 2, fol 27r-28r: F. an Elisabeth, 11.2.1560 (Kopie)
786 Weisung v. 11.2.1560 (Ebda,, England, Dipl. Korr. 16, fol 5r-6v)
787 Ebda, fol 8r-9v: Weisung v. 28.2.1560; zum Teil gedruckt bei Bucholtz 9, S. 575f
788 Stevenson 2, S. 498f; Diemer, S. 95f; den Rat Selds und Herzog Albrechts, Helfenstein abzube-
rufen, hatte Ferdinand vorerst abgelehnt (Goetz, Beiträge, S. 188 Anm. 2).
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien