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Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel724
Elisabeths unterminiert werden808. Die konzilspolitische Rücksichtnahme war
inzwischen obsolet809.
Weil Ferdinand sich auf den Kardinal verließ, hat er viel länger an die Reali-
sierung des Projektes geglaubt, als durch die Umstände gerechtfertigt war.
Denn Maria Stuart war der Ansicht, die Heirat mit Erzherzog Karl werde ihr
nicht genug Rückendeckung gegen England einbringen, sie wünschte stattdes-
sen Don Carlos als Gemahl810. Die im Sommer 1563 endlich erfolgte Werbung
ihres Onkels zugunsten des Kaisersohnes beantwortete sie ausweichend: Sie
müsse die Stände ihres Landes befragen und über die Ausstattung des Bräuti-
gams informiert werden811. Die präzise Auskunft, die Ferdinand dem Kardinal
dazu erteilte, dokumentiert sein unvermindertes Interesse812. Womit er bis da-
hin nicht gerechnet hatte und auch nicht hatte rechnen müssen, war das Ein-
greifen Philipps II.: Beeindruckt von Marias Unlust zu dem österreichischen
Neffen und überzeugt von der Wichtigkeit, die Möglichkeit zur Rückgewin-
nung Englands auf jeden Fall zu wahren, beantwortete der spanische König die
Berichte seines Gesandten in London mit der Weisung, für den eigenen Sohn
mit Maria anzuknüpfen813. Ferdinand dagegen ging weiter davon aus, daß seine
älteste Enkelin Anna die erste Wahl für Don Carlos sei, und verzögerte mit
diesem Argument den Bescheid auf die Werbungen der Franzosen um die Hand
dieser Prinzessin (oder ihrer Schwester als Alternative)814. Sein Erstaunen über die
unerwartete Konkurrenz bei Maria Stuart verbarg er hinter der dringenden Bitte,
Philipp möge im Interesse des Gesamthauses die Werbung für Don Carlos zu-
rückziehen, denn es sei vorteilhafter, wenn Erzherzog Karl diese Partie mache815.
In Frankreich, wo man am meisten ein Festsetzen Spaniens in Schottland
fürchtete, während der österreichische Bewerber als kleineres Übel betrachtet
wurde816, vernahm man die Meldung Bochetels mit Befriedigung, der Kaiser sei
offenbar gewillt, den Vortritt für seinen Sohn zu behaupten817. Auch wegen
jener Sorge erschien eine Annäherung an die Wiener Linie der Habsburger
erstrebenswert. Seit Januar 1563 war eine Heirat Karls IX. von Frankreich mit
einer Tochter Maximilians wieder Gegenstand von Erörterungen am französi-
schen Hof, und Bochetel versuchte, die Stimmung bei den Habsburgern für den
808 Vgl. Selds Bemerkung, Elisabeth fürchte das Projekt, weil viele ihrer Untertanen „die künigin
von Schotten für die negst erbin des künigreichs Engellandt halten, es mecht ir durch zueschueb
der Guisianischen parthey allerhandt unrhue in Engellandt erweckt werden“ (eigh. Brief v.
18.3.1563 an Herzog Albrecht, BHStA München KÄA 4308, fol 65r/v).
809 So konnte Guise Ende Mai Morone erzählen, die Heirat sei so gut wie beschlossen (Šusta 4, S.
26: Morone an Borromeo, 31.5.1563); vgl. aber Kap. 7, S. 480.
810 Briefe Quadras an Philipp II. v. 18.3. u. 28.3.1563 (CDI 87, S. 491 u. S. 497); Fournier, S. 12
811 Fournier, S. 13
812 Fournier, S. 15
813 Philipp an Quadra, 15.6.1563 (CDI 87, S. 519f)
814 Le Laboureur 2, S. 438ff: Bochetel an Katharina de Medici, 9.8.1563
815 CDI 98, S. 494f: Weisung Ferdinands für Guzman v. 19.8.1563
816 Vgl. dazu z.B. den Bericht Throckmortons v. 29.4.1561 an Königin Elisabeth über ein Gespräch
mit Coligny (Stevenson 4, S. 83); Katharina an Bochetel, 13.12.1563 (Le Laboureur 1, S. 554)
817 Le Laboureur 1, S. 553f: zwei undatierte, in den November 1563 gehörende Berichte Bochetels
an Katharina.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien