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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK UND DIE PRIVATBIBLIOTHEK FRANZ JOSEPHS 219
mungsexemplare“ die seit 1849 über das Oberstkämmereramt an die Hof-
bibliothek gelangt sind, an die Privatbibliothek abgeliefert werden müssen,
sofern sie in der Hofbibliothek als Dublette vorhanden „und nicht in den Ge-
brauch der Bibliothek übergegangen sind“.
Es bedarf keiner großen Phantasie um sich die daraufhin entstandene
Konfliktsituation vor Augen zu führen. Handfeste Probleme ergaben sich vor
allem bei jenen Titeln, die in mehreren Bänden oder gar als Fortsetzungs-
werk erschienen waren. Verblieben sie in der Hofbibliothek, weil dort nur
unikal vorhanden, so wurden die in der Folge vom Buchhandel übersand-
ten Bände oder Lieferungen dennoch der Privatbibliothek zugesprochen und
auch ausgehändigt. So beklagt etwa (der 1867 nun doch zum Präfekten er-
nannte) Münch-Bellinghausen am 4. Mai 1870, dass die Hofbibliothek die
ersten beiden Bände von Franz Crousses „Les Luttes de l’Autriche en 1866“
unmöglich an die Privatbibliothek abtreten könne, weil kein Zweitexemplar
vorhanden sei. Den dritten noch fehlenden Band werde man „unter diesen
Umständen“ wohl über den Buchhandel besorgen müssen. Becker äußert
dem Oberstkämmereramt gegenüber sein Unverständnis darüber, da das
fragliche Werk ja nur die französische Übersetzung der vom k. k. General-
stab herausgegebenen und gewiss in der Hofbibliothek als Pflichtexemplar
existierenden Publikation „Österreichs Kämpfe im Jahre 1866“ sei und auf-
grund seines besonderen Einbandes ohnehin nicht an das gemeine Publikum
ausgehändigt werden könne. Da niemandem mit einer Aufbewahrung der
Bände an zwei unterschiedlichen Standorten gedient sei, erbittet Becker die
Erlaubnis des Oberstkämmereramtes, auch den dritten Band an die Hof-
bibliothek abgeben zu dürfen. Oberstkämmerer Graf Folliot de Crenneville
räumt Becker daraufhin die Entscheidungsbefugnis ein, bei einlangenden
Fortsetzungslieferungen selbst zu bestimmen, ob diese an die Hofbiblio-
thek abgegeben oder die dort befindlichen älteren Bände zur Abgabe an die
Privatbibliothek verlangt werden sollen. Becker vollzieht in der Folge eine
Kehrtwendung und fordert von der Hofbibliothek die Herausgabe der ersten
beiden Bände von Crousses Übersetzung.706
Die Hofbibliothek scheint jedoch auf Zeit zu spielen. Als Ende Mai 1870
noch fast nichts übergeben ist, macht Becker beim Direktor der Kabinetts-
kanzlei Meldung. Er bekennt etwas verdrossen, dass die Hofbibliothek the-
oretisch kein einziges Werk werde herausgeben müssen, da sie durch die
Erlaubnis Dubletten verkaufen zu dürfen möglicherweise nichts mehr in du-
plo besitze. Der künstlich hinausgezögerte Abschluss dieser leidigen Angele-
genheit habe nicht nur die einstweilige Aussetzung des Bücherankaufs zur
706 FKBA26140, fol. 7–18.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken