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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK UND DIE PRIVATBIBLIOTHEK FRANZ JOSEPHS 225
Becker strebt darüber hinaus an, Khloybers Sammelpolitik nur mit Ab-
strichen fortzusetzen. So wären „ephemere Erscheinungen der Tageslitera-
tur, novellistische und poetische Einzelschriften, periodische Blätter und
Tendenzbroschüren“ nur noch in Ausnahmefällen anzukaufen und zwar
dann, wenn damit „Literatur in erheblicher Weise ergänzt, oder eine wis-
senschaftlich – auch wol politische – Frage der Gegenwart mit gewichtigen
Argumenten erörtert, oder ein speciell Österreich betreffender Gegenstand
mit culturhistorischem Interesse behandelt wird“. Erwerbungen dieser Art
hätten bislang „außer dem Vorstande der Bibliothek keinen Leser“ gefun-
den. Abgesehen von den Kosten und dem Platz den diese populären Erör-
terungen verschwenden würden, fürchtet Becker um sein Renommee und
das des Kaisers bei den Buchhändlern, da diese ja annehmen müssten, die
Bestellung solcher Titel würde auf unmittelbare Weisung einer der beiden
erfolgen.
Einen Bestandsausbau hält Becker hingegen bei der Sachgruppe Forst-
und Jagdwesen für sinnvoll, da Franz Joseph ja als ein großer Freund und
Förderer des Waidwerks gelte und die Bibliothek aus früherer Zeit wertvolle
Bücher zu dieser Thematik besitze. Der Ankauf der neuesten Erscheinungen
sei bereits in die Wege geleitet worden, das weit größere Unterfangen – das
Ausfüllen einer Lücke von dreißig Jahren – würde jedoch nur mit kaiserli-
cher Zustimmung unternommen.718
Im Anschluss an den Buchbestand skizziert Becker seine Pläne für die üb-
rigen von Kaiser Franz I. überkommenen und größtenteils im Fideikommiss
enthaltenen Sammlungen. Während die Münz- und Medaillen- sowie die
Musikaliensammlung nicht Teil des Fideikommisses geworden sind, von den
Erbberechtigten als mehr oder weniger abgeschlossene Teilbestände aber
freiwillig und ungeteilt belassen und unter die weitere Verwaltung der Bib-
liotheksleitung gestellt worden sind, unterbreitet Becker sowohl für die Kar-
ten- als auch für die Kunstsammlung konkrete Handlungsvorschläge. Ers-
tere weise seit dem Tod Franz I. ebenfalls erhebliche Lücken auf, wiewohl
glücklicherweise zumindest Spezialkarten des Territoriums der Monarchie
erworben worden seien. Die Kosten für die dringend notwendige Behebung
der mangelnden Adjustierung werden von Becker mit über 500 fl. beziffert.
Dabei kritisiert er auch hier die unüberlegten und teilweise geldverschwend-
erischen Ankaufsmethoden seines Vorgängers, da man beispielsweise die pu-
blizierten Karten des österreichischen General-Quartiermeisterstabes „für
ein gutes Wort“ gewiss kostenlos erhalten hätte können, anstatt sie über den
Kunsthandel mit Aufschlag anzukaufen. Unter dem Begriff „Kunstsamm-
lung“ subsummiert Becker schließlich den früher „Kupferstichsammlung“
718 Ebenda, pag. 24–27.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken