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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK UND DIE PRIVATBIBLIOTHEK FRANZ JOSEPHS 231
lich Bücher aus der Privatbibliothek des Großvaters Franz I. verwendet
worden sein, so würde der Grundbestand seiner eigenen Büchersammlung
aus den hierfür angeschafften Werken bestehen, deren Menge aber über eine
kleine Handbibliothek nicht hinausgehen müsste.728 Zieht man die Vermu-
tung in Betracht, dass Franz Joseph wohl keinerlei bibliophilen Interessen
hatte, so darf man auch keine Anstrengungen hinsichtlich des Zusammen-
haltens dieses Bestandes erwarten. Die Situation ändert sich mit der Re-
gierungsübernahme 1848. Da der 18-jährige Franz Joseph als Kaiser – wie
seine Vorgänger auch – nun laufend Werke, Widmungsschriften und Adres-
sen überreicht bekommt, wie wir in der Folge sehen werden, wird die Zuwei-
sung dieser Objekte an eine bestehende oder neu zu gründende Institution
oder Sammlung zum Zwecke der dauerhaften Aufbewahrung notwendig.
Dies scheint der eigentliche Gründungsakt der Privatbibliothek Franz Jo-
sephs gewesen zu sein. Eine parallele Entwicklung ist für seine Gattin Elisa-
beth dokumentiert, die durch ihre Verehelichung 1854 ebenfalls mit Einsen-
dungen und Überreichungen überhäuft wird. Als etwa der Prager städtische
Archivar Karol Jaromir Erben im Oktober 1854 ein Exemplar seines Werkes
„Kytice z povesti narodnih [Strauß aus böhmischen Volkssagen]“ der Kai-
serin „für Allerhöchst Ihre Kabinetsbibliothek“ überreicht, meldet ihr Pri-
vatsekretär Leopold Bayer nach eingehender Prüfung von Werk und Autor,
dass dieses „in die zu bildende Privatbibliothek Ihrer Majestät der Kaiserin“
aufgenommen werde.729 Es braucht eben alles seine Ordnung.
In Beckers Zustandsbericht werden essentielle Informationen zum ers-
ten bekannten Aufbewahrungsort dieser mit damals exakt 701 Titeln (ca.
3.000 Bände) noch recht überschaubaren Sammlung geliefert. Demnach
war sie 1865 während der Adaptierung der freigemachten Dienerwoh-
nung auf den darüber liegenden Dachboden verfrachtet worden. Dieser
leide jedoch „an Unzukömmlichkeiten mancher Art“, die mit dem Zweck
der Sammlung nicht vereinbart werden könnten. Dieses Dachmagazin sei
durch Beseitigung eines Teils des Dachstuhls geschaffen worden, räumlich
jedoch so voluminös, dass es mit dem vor Ort befindlichen Ofen unmöglich
so zu beheizen wäre, um in den Wintermonaten dort Arbeiten verrichten zu
können.730
Die inhaltliche Bestandsanalyse bestätigt die Vermutung, dass Franz
Joseph im Gegensatz zu seinem Großvater tatsächlich keinerlei bibliophile
oder gar bibliomanische Interessen hatte. Becker nennt zwar „Werke aus
728 Zur Benützung der franziszeischen Bestände durch Franz Joseph, siehe Abschnitt 6.2.
729 FKBA26037, fol. 7r.
730 FKBA26135, pag. 3–4.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken