Seite - 248 - in Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918 - Metamorphosen einer Sammlung
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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN248
werde, die Musicaliensammlung […] aus dem ihr jetzt zugewiesenen ungeeig-
neten Raume zu entfernen und ihr einen würdigen Platz anzuweisen.“801
Dass Becker die Gesellschaft der Musikfreunde als zu beschenkende Ins-
titution vorschlägt, hat nicht nur damit zu tun, dass dieser Verein zu den
führenden Institutionen der Musikpflege in Wien gehörte. Er selbst war seit
1852 Vereinsmitglied, von 1859 bis 1867 im Vorstand tätig und fungierte zu-
dem als Referent für das Wiener Konservatorium und als stellvertretender
Leiter des Wiener Singvereins (1858 als Zweigverein der Gesellschaft ge-
gründet).802 Sein Interesse am Transfer dieser Sammlung von der Bibliothek
hin zur Gesellschaft der Musikfreunde war also ein zweifaches.
Franz Joseph erteilte Beckers Vorschlag aufgrund der für ihn nicht völ-
lig klaren Eigentumsverhältnisse jedoch vorerst eine Absage.803 Vermutlich
hatte der Kaiser Vorbehalte, da die Haupterben Franz’ I. (Kaiserin Karoline
Auguste, Kaiser Ferdinand, Erzherzog Franz Karl) zu diesem Zeitpunkt ja
alle noch am Leben waren. Eine dem Aktenkonvolut beiliegende Notiz, die
allerdings nicht von Beckers Hand stammt, offenbart weitere Hinweise zur
Überlieferungsgeschichte der Sammlung. Als man nämlich nach dem Tod
des Botaniker Johann Baptist Emanuel Pohl (1834) dessen Nachlass samt
Restauflagen übernahm (seine Forschungen und Publikationen waren von
Kaiser Franz finanziert worden),804 lagerte man diesen in einem Raum ne-
ben dem Musikalienarchiv, der nur über letzteres zugänglich war.
„Die Bibliothek war daher genöthiget jedesmal, wenn von den Dr. Pohl’schen
Werken Etwas verlangt wurde, sich vom Hofcapellmeister Eybler, welcher die
Privat-Musicaliensammlung beaufsichtigte, sich den Schlüssel zum Eingange
zu erbitten. Da dieses Schlüssel holen und zurücksenden sich häufig wieder-
holte und nach des Kaisers Franz I. Tod sich Niemand um das Musik-Archiv
kümmerte, verweigerte der bereits mehr als 80 jährige Eybler die Rücknahme
des von ihm entlehnten Schlüssels. Nach seinem Tode übergab dessen Sohn
und Erbe, ohne irgend einem Auftrag auch den Musikalien-Katalog und die
801 Schreiben vom 12. Jänner 1870 an Kaiser Franz Joseph. Wien, ÖNB, Musiksammlung,
Mus.Hs. 4797, Sammlung von Dokumenten zur Geschichte der Musikaliensammlung
Franz’ I. Die Akten stammen sehr wahrscheinlich aus dem Bestand des Archivs der Fidei-
kommissbibliothek und wurden zu einem unbekannten Zeitpunkt separiert und zu diesem
Konvolut zusammengefasst. Dieses enthält auch maschinschriftliche Transkriptionen der
Akteninhalte, die als Vorlage für die Transkription für diesen Beitrag dienten.
802 Vgl. Abschnitt 5.6.1.
803 Becker vermerkt auf dem Aktenstück, dass ihm dieser Entschluss des Kaisers „brevi
manu“ mitgeteilt wurde.
804 Vgl. dazu Abschnitt 3.6.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken