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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK UND DIE PRIVATBIBLIOTHEK FRANZ JOSEPHS 255
allerdings Kaiser Franz I., eine Reminiszenz an den Gründer der späteren
Fideikommissbibliothek. Fideikommissherr war zu diesem Zeitpunkt jedoch
(noch) Kaiser Ferdinand I. Man scheint also Hemmungen gehabt zu haben,
Franz Joseph als Besitzer dieses Bibliotheken-Konglomerats auszuweisen,
da sein Onkel noch lebte und er selbst mit seiner Privatbibliothek ja nur
einen äußerst geringen Beitrag geleistet hatte. Aus heutiger Sicht wäre der
Besitzanspruch „des Hauses Habsburg-Lothringen“ im Titel wohl die elegan-
teste Lösung gewesen. Vielleicht wünschte Franz Joseph auch einen Titel
ohne Namensnennung, damit dieser – ähnlich der Volkshymne – im Zuge
eines Herrscher- und Besitzerwechsels nicht an Gültigkeit verlieren würde.
Das Adjektiv „vereint“ kann sich nur auf dieselbe Verwaltung, der beide
Bibliotheken unterstanden, beziehen und nicht auf einen tatsächlichen Zu-
sammenschluss der Sammlungen, der erst 1878 vollzogen wurde. Die Infor-
mationen zum geschichtlichen Abriss im Vorwort hatte Becker zweifellos im
Zuge seines Aktenstudiums zusammengetragen. Eine weitere (mündliche)
Quelle war ihm sicherlich auch Kustos Georg Thaa gewesen, der zwar – erst
1830 eingestellt – den ersten und mit der Gründungsgeschichte gewiss bes-
tens vertrauten Bibliotheksvorsteher Peter Thomas Young nicht mehr per-
sönlich gekannt hatte, aber durch Leopold Joseph von Khloyber sicherlich
viele Details darüber erfahren hatte. Aus diesem Grund lassen sich auch
einige Angaben Beckers bislang nicht durch schriftliche Quellen belegen –
wie etwa jene im Vorwort tradierte Episode, der zufolge Franz I. im Zuge des
Wiener Kongresses 1814/15 immer wieder Gruppen persönlich durch seine
Privatbibliothek geführt haben soll, worunter sich auch der damals 17-jäh-
rige preußische Kronprinz, der spätere deutsche Kaiser Wilhelm I. befand.821
Am Ende des Vorworts gibt der Herausgeber auch die inhaltliche Zusam-
mensetzung der beiden geplanten Folgebände bekannt. Der zweite sollte die
übrigen, alphabetisch gereihten Sachgruppen der Bücher enthalten und der
dritte und letzte schließlich die Lavater-, Karten- und Porträtsammlung.822
Das bereits angesprochene eigens angefertigte Frontispiz des ersten Ban-
des – eine Foto-Xylografie von Leopold Geisbe – zeigt Kaiser Franz I., inter-
essanterweise in Form jener Büste aus Carraramamor, die in der Inventur
821 Quellenmäßig sind bislang lediglich zwei Führungen durch die Bibliothek während des
Wiener Kongresses belegt. Der Stiefsohn Napoleons, Eugene de Beauharnais, berichtet in
einem Brief davon, dass ihm die Sammlung von Young gezeigt worden sei [FKBA02107]
und Becker weist 1873 im Rahmen der Versendung des Realkataloges an den sächsischen
Hof in Desden darauf hin, dass König Johann 1814 als Prinz „mehrmal[s] an der Hand
Durchlauchtigst weiland Seiner Majestät des höchstseligen Kaisers Franz [in der Biblio-
thek] verweilt[e] und namentlich sich für die Danteliteratur interessirt habe“ [FKBA27072,
fol. 5r]. Johann übersetzte später Dantes „Göttliche Komödie“ ins Deutsche.
822 Becker, Sammlungen, Bd.1, Vorwort.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken