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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN260
um acht Gulden den Zentner an den Makulaturpapierhändler Franz Pulz
weiter. Darunter befinden sich auch etliche große bedruckte Bögen. Pulz,
der nach eigenen Angaben ohnehin nicht gut lesen kann, nimmt das Papier
ebenfalls nicht in Augenschein. Zwei seiner Kunden, der Privatier Fried-
rich von Lackenbacher sowie der k. k. Platz-Oberlieutenant Franz Finger,
suchen sich daraufhin aus diesem Papierabfall mehrere Bögen zusammen,
ersterer im Gewicht von zwölf, letzterer im Gewicht von zwei Kilogramm.
Den Rest verkauft Pulz an Greisler, Selcher und Kaufleute als Packpapier.
Szenenwechsel. In einem Brief eines nicht näher genannten Theodors (es
handelt sich um Beckers Bruder)845 teilt dieser dem Bibliothekar Becker mit,
dass ihn der Schriftsteller Friedrich Schlögl (1821–1892) in gesellschaftli-
cher Runde gefragt habe, ob es möglich sei, ein Exemplar des Katalogs über
seinen Bruder zu beziehen. Theodor entgegnete, dass dieser noch nicht fer-
tig gedruckt worden sei und „du an demselben noch immer arbeitest“. Ob
dieser Tatsache etwas verwundert, habe Schlögl daraufhin von einem jun-
gen Mann berichtet, der ihm den ersten Katalogband sowie einige Druckbö-
gen des zweiten bereits zum Kauf angeboten habe. Schlögl vermutete einen
Diebstahl in der Druckerei oder einer Buchhandlung. Der Polizei wird La-
ckenbacher, einer der Kunden von Pulz, später mitteilen, dass er aus der an-
gekauften Papiermasse etwa 8–10 Exemplare (erster Band vollständig, vom
zweiten die ersten 27 Druckbögen) zusammenstellen habe können, wovon
er einige an die Antiquariate Josef König, Kubasta & Voigt, Kuranda und
Teufen sowie an zwei Privatpersonen, darunter den Kartografen Franz von
Hauslab verkauft habe.846 Finger (der andere Kunde von Pulz) gibt an, nur
ein Exemplar angefertigt zu haben, welches sich noch in seinem Besitz be-
findet.847 Welche Konsequenz diese Angelegenheit hatte, geht aus den Akten
nicht hervor. Die in Umlauf gebrachten Exemplare sind wohl nicht zurück-
gekauft worden. Möglicherweise bat man die Antiquare, das Werk möglichst
unter der Hand zu verkaufen und nicht weiter zu annoncieren (vgl. Anm.
846).
Im Sommer 1879 erscheint schließlich die zweite Abteilung des zweiten
Bandes, die beinahe ausschließlich den Bestand der Ferdinandea enthält,
gefolgt von der obligaten Übergabe eines Prachtexemplars an Kaiser Franz
Joseph „für den Handgebrauch“.848 Nach Finsterbecks Firmenauflösung hat
845 Vgl. Anm. 762.
846 Bücherlisten (Verkaufsprospekte) der Antiquariate König sowie Kubasta & Voigt, in denen
die Katalogexemplare angepriesen werden, liegen dem Akt FKBA28098 bei.
847 FKBA28098.
848 FKBA29028 (Übergabe an den Kaiser), FKBA29009 (Danksagungen und Empfangsbestä-
tigungen) u. FKBA29049 (gekrönte Häupter).
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken