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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN270
Nach 1870 bietet sich Becker nun zum zweiten Mal die Gelegenheit die
anstehenden Entscheidungen mit Kaiser Franz Joseph persönlich zu erör-
tern, was am 17. August 1875881 geschieht. Der Monarch genehmigt (erwar-
tungsgemäß) sowohl die Aussonderung und Verteilung der Dubletten, den
Ankauf neuer Schränke aus den Mitteln seiner Privatkasse zur Beherber-
gung der Sammlung sowie die Aufnahme der Ferdinandea in den Realka-
talog. Die beiliegende Rechnung des Wiener Tischlers Josef Spale, die sich
auf 1.894 fl. ö.W. beläuft, offenbart, dass die Fideikommissbibliothek durch
diesen Zuwachs nun endgültig vollgeräumt war. Man nutzte offenbar nicht
nur die Stellfläche bei Türlaibungen, auch der Platz oberhalb der Türen und
Fenster wurde durch Einbauten nutzbar gemacht. Sogar die offenbar etwas
niedrigeren Portefeuille-Kästen im zweiten Stock erhielten einen Aufsatz.882
Die Tatsache, dass Franz Joseph die Privatbibliothek Ferdinands in den
Räumlichkeiten der Fideikommissbibliothek unterbringen lässt, zeugt von
seiner faktischen Entscheidungsbefugnis, obwohl er immer noch nicht Fidei-
kommissherr ist.
Anfang November 1875 meldet Becker den vollzogenen Transport der
Bibliothek in 145883 Kisten nach Wien, deren nochmalige Katalogisierung
aufgrund zahlreicher Ungenauigkeiten unerlässlich sei. Neben den Dublet-
ten (etwa 5.000 Bände) habe man ein dem Maler Joseph Neugebauer zu-
geschriebenes, Kaiser Franz I. in Halbfigur darstellendes Ölgemälde, ein
ebensolches der Königin Amalie von Sachsen eines unbekannten Dresdner
Künstlers, ein Ölbild von Franz Alt „Der Eingang ins Arsenal von Venedig“,
einen vollständigen Telegrafenapparat sowie einen „Doebler’sche[n] Apparat
zur Erzeugung von Nebenbildern, bei welchem jedoch die Bilderobjecte feh-
len“, in Prag zurückgelassen. Für die meisten Buchdubletten (1.685 Werke
in 4.115 Bänden) würde sich die Prager Universitätsbibliothek interessie-
ren,884 der Rest (327 Werke in 818 Bänden) könnte an die Direktion der Pri-
vatgüterverwaltung in Böhmen übergeben werden,885 die die weitere Vertei-
lung der für ihre Zwecke nicht brauchbaren Bücher an Pfarren und Schulen
„des kaiserlichen Patronats“ in die Wege leiten würde. Einige vermeintliche
Dubletten, die zwecks genauen Vergleichs nach Wien transportiert werden
müssen (etwa 100 Bände, vorwiegend Reiseliteratur in deutscher, englischer
und französischer Sprache), könnte man sodann entweder der Geographi-
881 Vgl. dazu Anm. 830.
882 FKBA28017, Bericht vom 26.08.1875, Rechnung vom 25.08.1875.
883 Im Konzept werden 120, im ausgefertigten Schreiben 145 Kisten genannt, vgl. Anm. 886.
884 FKB.INV.30, Verzeichnis A. Die angegebenen Katalognummern beziehen sich auf das Pra-
ger Standortsrepertorium FKB.INV.81.
885 FKB.INV.30, Verzeichnis B.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken