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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK UND DIE PRIVATBIBLIOTHEK FRANZ JOSEPHS 291
machten die explizite Nennung der nacheinander in den Nutzgenuss eintre-
tenden männlichen Mitglieder der Herrscherfamilie abseits der Regenten-
folge notwendig. Öffentlich war das vorzeitige Regierungsende Ferdinands
natürlich niemals im Raum gestanden und die tumultartigen Zustände im
Herbst 1848 der offizielle und einzige Grund für den Thronwechsel gewe-
sen. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass schon Kaiser Franz dahingehende
Verfügungen getroffen haben könnte und Ferdinand durch die Geburt sei-
nes Neffen Franz Joseph 1830 – also fünf Jahre vor dem Tod des Kaisers
Franz – zum Regenten des Übergangs degradiert worden war, der mit Hilfe
der Staatskonferenz die Dinge einige Jahre im Lot halten sollte, bis der
junge Erzherzog alt genug sein würde, um selbst die Herrschaft anzutre-
ten. Das bereits besprochene vorletzte Blatt aus der Serie „Hauptmomente
aus dem Leben Seiner Majestät Franz I. […]“ – eine Szene im Sterbezimmer
des Monarchen, als dieser, im Bett nochmals aufgerichtet, sich in besonderer
Weise Ferdinand und Franz Joseph zuwendet – deutet dies symbolisch an.944
Kaiser Franz konnte in dieser Hinsicht beruhigt seine Augen schließen,
hatte doch seine Schwiegertochter Erzherzogin Sophie zu diesem Zeitpunkt
bereits drei kerngesunde Söhne (Franz Joseph 1830, Maximilian 1832 und
Karl Ludwig 1833) zur Welt gebracht. In Victor Ségur-Cabanacs Biografie
über Kaiser Ferdinand wird dessen Gattin Maria Anna eine entscheidende
Rolle bei der Thronübergabe von 1848 zugewiesen. Demnach soll neben eini-
gen anderen Mitgliedern der kaiserlichen Familie vor allem sie große Beden-
ken gehabt haben,
„des Kaisers übergroße Güte könnte von irgend welcher Persönlichkeit, die
infolge dieser gärenden Bewegung, aus politischen Rücksichten, zur Führung
der Regierungsgeschäfte berufen und vielleicht einem Milieu entstammen
mochte, in dem Tradition sowie Herkommen eine nur unbedeutende Rolle
spielte, zum Nachteile des öffentlichen Wohles, des Staates, der Religion und
des kaiserlichen Hauses selbst mißbraucht werden.“945
Ségur-Cabanac beruft sich dabei auch auf den Diplomaten Alexander Graf
Hübner (1811–1892), der zu berichten wusste, dass Maria Anna dies sogar
mit Fürst Metternich besprochen haben soll und man im November 1847
vereinbart habe, dass ein Thronwechsel nach dem 18. Geburtstag Franz
Josephs (18. August 1848) unverzüglich vonstattengehen müsse. Bedingt
durch die Ereignisse der Märzrevolution von 1848, die schließlich auch Met-
ternich hinwegfegten, soll Maria Anna in der Furcht, „daß man ihrem Ge-
944 Vgl. Anm. 412.
945 Ségur-Cabanac, Prag, 33f.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken