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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN308
[fol. 3v] Der 1te Fall war dieser: als im Jahre 1824 hierorts 621 Bände Incun-
abeln darunter sehr viele in 4° gebunden werden sollten, both der damalige
Vorstand Young (dem ich beigegeben war) um einen allergnädigsten Zuschuß
von 3000 fl. C.M. […] Der 2te Fall war: als die bedeutende Bibliothek des se-
ligen k. k. Reichsreferendars Baron Frank (meistens Juridica) im Jahre 1819
angekauft, dann aus Mangel an Raum indessen in Faszikeln nothdürftig un-
tergebracht werden mußte. Es wurden zwar von Jahr zu Jahr Localitäts-Er-
weiterungen versprochen; allein die Stunde der Erlösung wollte lange lange
[sic] nicht kommen; endlich eines heissen Sommers zeigte sich in dem schlech-
ten Material welches diese Ankömmlinge mitbrachten, der fatale Wurmstich.
Dem Übel zu steuern war sichtlich eine unbestreitbare Nothwendigkeit, und
dieß konnte nur durch ein Umbinden geschehen.
[fol. 4r] Ich war davon – und wenn sich auch eine Opposition erhoben hätte,
so fest überzeugt, wie einst Galilei in seinem Fache vor dem opponirenden
Kardinal-Collegium; denn ich sah mit eigenen Augen, wie sich das Gewürm
am Einbande des Buches bewegte. Zum Glücke erhielt die Bibliothek mitt-
lerweile einen ganz kleinen Zuwachs an Raum; ich ließ daher frisch nach
einan der Fortbinden, ohne daß der kaiserliche Herr auch nur einen Kreuzer
Zuschuß zu bewilligen gehabt hätte. – Die Sache war gerettet! – Der Einband
war schlicht, ja ist kaum anständig zu nennen; aber es sind juridica die bloß
den Fachmann interessiren, und für den Allerhöchsten Hof kein pretium affec-
tionis996 haben, wie dieß vielleicht mit den nachgelassenen Büchern der durch-
lauchtigsten Frau Erzherzogin-Tante nicht der Fall seyn könnte. Diese beiden
Fälle waren es, nach welchen ich mich in meinem Antrage wegen [fol. 4v] der
Elisabethina richtete.
Übrigens ist der Einband in der Bibliothek durchschnittlich bei gewöhnli-
chen Werken ein bescheidener Halbfranz – Werke besserer Art haben Ganz
Franz oder Juften997, die haute volée aber – was übrigens jetzt selten ge-
schieht – prunkt in Maroquin.
Die kaiserliche Universität, oder die öffentliche Hofbibliothek würde si-
cherlich unklug thun, wenn sie für die zuweilen ungeschlachten Hände des
lesenden Publikums etwas gewählter binden liessen. Dagegen nimmt es sich
in der Bibliothek des Kaisers von Oesterreich ganz convenient aus, wenn sie
sich durch eine schönere Aussenseite empfiehlt. – Indem ich dieses erwähne,
könnte es scheinen als ob die Bibliothek einen Überfluß an Luxus Einbänden
habe, allenfalls wie Graf Spencer in seiner Bibliothek zu Althorp – keines-
wegs; und ich glaube daß sie hierin von den Sammlungen [fol. 5r] Seiner kai-
996 „Keinen ideellen Wert.“
997 Juchtenleder.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken