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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN310
Hoheit zum Vorlesen ausgewählt haben mag. [fol. 6v] Der hohe Erbe dieser
Sammlung wailand Kaiser Franz wollte mit den darin vorkommenden vielen
Romanen – wie Er sich scherzend auszudrücken geruhte – ein Auto da Fé999
anstellen lassen, und hatte bereits mit höchst eigener Hand in unserem Spe-
zialkataloge die betreffenden Artikel angestrichen1000; allein ein gewisses Pie-
tätsgefühl gegen die verblichene hohe Tante schien Seine Majestät immer von
dieser Vernichtung abzuhalten. Dieß war denn auch die Ursache warum die
damals schon schadhaften Bände intact in ihren Fächern verblieben.
b) der äußere Werth ist ebenfalls nicht bedeutend; denn schwerlich dürfte
beim Verkaufe ein großer Erlös ausfallen;
c) tritt in letzterer Beziehung der Umstand ein wenig hemmend entgegen,
daß jedes Buch auf der Rückseite seines Titelblattes nebenstehendes Biblio-
thekszeichen [Exlibris]1001 enthält. Für die allerdurchlauchtigste kaiserliche
Familie dürfte daher die ganze Sammlung in so [fol. 7r] ferne von Interesse
seyn, als ein pretium affectionis1002 darauf ruht, und es vielleicht nicht recht
schicklich schiene, den Nachlaß der hohen Verwandten auf dem antiquari-
schen Trödelmarkt zu finden.
Euer Excellenz fragen mich schließlich ob die mir zugetheilten Organe ihre
Schuldigkeit thun?
Ich muß hierauf erwidern, daß ich diesen beiden Herrn Beamten [Thaa u.
Winkler] meine aufrichtige Achtung nicht versagen kann. Sie dienten früher
im Präsidial Bureau Ihrer Excellenzen der Herrn Grafen Saurau und Mittrow-
sky1003, welcher Letzterer sie bei ihrem Übertritte mit Bedauern scheiden sah.
Auch würde es in der That ein sehr unliebsamer Umstand seyn, wenn Beamte
bei wissenschaftlichen Anstalten, sich auf ihre einfache Beamtenpflicht be-
schränkten. Sie muß Freude und Lust zu ihrem Fach beseelen. Diese läßt sich
zwar nicht gebiethen, kommt aber mit der Zeit. Sie dann in dieser Stimmung
[fol. 7v] zu erhalten ist nur Vortheil für die Anstalt, zumahl Bibliotheksbeamte
auf die Aussicht auf eine bessere Zukunft in der Regel resigniren müssen.
Scriptor Thaa hat die höheren Fakultätsstudien – Kanzlist Winkler ist sehr
gewandt und anstellig. Auch die Diener sind sehr brave Leute. Wich hatte das
Glück von Seiner Majestät dem Kaiser Ferdinand Selbst für diesen Dienst
gewünscht zu werden. Möge übrigens mein allergnädigster Herr noch so fern
von hier residiren, nie werde ich – so gering auch meine Kräfte sind – aufhö-
999 „Verbrennung häretischer Bücher.“
1000 FKB.INV.9. Darin befinden sich tatsächlich (uneinheitliche) Anstreichungen mit Bleistift.
1001 Vgl. Huber-Frischeis/Knieling/Valenta, Privatbibliothek, 285, Abb. 27.
1002 Vgl. Anm. 996.
1003 Franz Josef Graf Saurau (1760–1832) und Anton Friedrich Graf Mittrowsky (1770–1842)
waren aufeinanderfolgend Oberste Kanzler der k. k. vereinigten Hofkanzlei.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken