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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK UND DIE PRIVATBIBLIOTHEK FRANZ JOSEPHS 335
Auch die von Eurer Majestät von Zeit zu Zeit einlangenden Bibliotheks-
gegenstände beginnen sich schon so zu mehren, daß sie bei der hierortigen
Ueberfüllung einen bereits sehr knapp zugemessenen Raum in dieser literari-
schen Schatzkammer einnehmen. Der bei der Kunstblätterabtheilung (gegen
110.000) viel beschäftigte Kanzelist Josef Winkler, ist beauftraget nebst den
ihm vorzugsweise zugetheilten Arbeiten für die Fideikommißbibliothek, auch
noch sämtliche seit 16 Jahren von Eurer Majestät anhergegebene Ihnen aller-
höchsteigenthümlich gehörige Werke zu katalogisiren. Auf die etwa an mich
herabgelangende Frage, welche Eigenschaften ein derlei Aspirant mit sich zu
bringen habe; würde ich mir pflichtgemäß zu erwidern erlauben: Er sollte ein
Mann noch in voller Frische seines Lebensalters sein, und sich über seine zu-
rückgelegten Studien ausweisen können. Sehr erwünscht wäre es, wenn ein
solches Individuum mehr als die gewöhnlichen aus den Schul-Compendien
sich angeeigneten Kenntniße besäße; besonders aber, und das wäre eine Con-
ditio sine qua non [eine Bedingung] einige Fertigkeit im Französischen und
Italienischen inne hätte. Weniger Vorliebe für irgend einen specielen [sic] Ge-
genstand; sondern Achtung und Interesse für jedes Fach menschlicher Kennt-
nisse; folglich Bekanntschaft mit der Literaturgeschichte gehört zum Berufe
und Augenmerk eines jeden Bibliothekbeamten.
Schließlich wage ich hier noch ehrerbietigst unmaßgeblich zu erwähnen;
daß der hierseitige verdiente Scriptor [Georg] Thaa, Vater von 2 großjähri-
gen Söhnen mir schon mehrere Mahle mit großer Schüchternheit den Wunsch
zu erkennen gab; daß er sich glücklich fühlen würde, wenn die Gnade Eurer
Majestät huldvollst geruhen möchte seinen 30 Jahre alten Sohn Josef Thaa,
welcher gegenwärtig als Concepts-Adjunct bei der hiesigen Polizei Direction
verwendet wird – im Ganzen aber bereits durch 10 Jahre dem Staate dienet –
in Allerhöchst Ihre Privat- und Fideicommißbibliothek anzustellen. Dem Al-
lerhöchsten Ermessen Eurer Majestät ist es ehrerbietigst anheimgestellt, ob
etwa noch andere Competenten für den gegenwärtigen Fall der Allerhöchsten
Auswahl zu unterziehen seien. Wien, den 31ten October 1865“1083
Hier kreuzen sich offensichtlich zwei Interessen. Zum einen scheint der
bereits 76 Jahre alte Bibliotheksvorsteher an die personelle Zukunft der
Sammlungen zu denken und Maßnahmen setzen zu wollen, um das wert-
volle Wissen der langgedienten Mitarbeiter zu sichern und rechtzeitig
weiterzugeben. Zum anderen wird deutlich, dass die Nummer Zwei hinter
Khloy ber seine Chance gekommen sieht, einem seiner Söhne einen siche-
1083 Wien, ÖStA, HHStA, Kabinettskanzlei, Direktionsakten, Kt. 6, 9–1871 (betrifft jedoch
den Zeitraum 1866/67). Eine unvollständige Konzeptfassung des Textes liegt unter
FKBA26091, fol. 1r–3v.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken