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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN352
angezeigt war, von allen Seiten und theilweise mit gewichtigen Empfehlun-
gen herankamen“, habe er zwei in eine engere Auswahl ziehen können, näm-
lich den Doktoranden der Philosophie, Alois Karpf, sowie den Bibliotheks-
assistenten an der Akademie der bildenden Künste, Carl Post. Wenn er,
Becker, oder Georg Thaa die Zeit haben würden, einen völligen Bibliotheks-
neuling in seinen Dienst einzuführen, so wäre die Wahl auf den „wohlerzoge-
nen, bildungseifrigen jungen“ Karpf gefallen. Aufgrund seiner praktischen
Erfahrung „und namentlich durch seine specifische Kunstbildung“ habe man
sich allerdings für Post entschieden, da dieser „für einen großen Theil der
Sammlungen eine höchst wünschenswerthe Bethätigung erwarten lässt“. In
seinem Bericht vom 25. Februar 1871 referiert Becker den bisherigen Le-
benslauf Posts1139 der sich wahrlich sehen lassen kann, wobei im Zusammen-
hang mit der Geschichte der kaiserlichen Privatbibliotheken vor allem der
Umstand hervorzuheben ist, dass er bereits in der Privatbibliothek Kaiser
Ferdinands in Prag beim Ordnen der Kupferstiche und Handzeichnungen
verwendet worden sei.1140 Ein weiteres Schriftstück offenbart, dass Post vom
Kunsthistoriker und Sektionsrat in der Abteilung für Cultus und Unterricht
des Staatsministeriums, Gustav Heider1141 (1819–1897), empfohlen worden
war.1142 Karpfs Protegé hingegen dürfte Becker selbst gewesen sein, was in
den Akten vorerst allerdings geflissentlich verschwiegen wird. Beide waren
zu diesem Zeitpunkt schon Mitglieder der Geographischen Gesellschaft in
Wien. Karpf tat sich dort als jüngeres Mitglied bei der Ordnung und Katalo-
gisierung der Bibliothek der Gesellschaft hervor, Becker war deren General-
sekretär.1143 Die beiden maßgeblichen Akteure, Braun in Wien und Geringer
1139 Geboren am 31.01.1834 in Prag als Sohn eines Werksmeisters im k. Provinzial-Strafhaus,
technische Ausbildung bei gleichzeitigem Kunstunterricht an der Akademie patriotischer
Kunstfreunde in Prag, Tätigkeit an der Privatbibliothek Ferdinands, mit dessen Hilfe
er 1853 seine Kunststudien an der Wiener Akademie fortsetzen und beenden konnte,
widmete sich fortan der Kupferstichkunst, erhielt 1855 den ersten Preis und damit die
Befreiung vom Militärdienst, war 1862 bei der „großen Ausstellung“ in Paris tätig [viel-
leicht ist hier auch die Weltausstellung von 1867 gemeint], erhielt dabei ein Diplom des
Institute polytechnique universel sowie ein Ehrendiplom der Akademie der Künste in St.
Petersburg, 1864 die silberne Medaille für Kunst und Wissenschaft vom Herzog von Nas-
sau, 1867 die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft von Kaiser Franz Joseph I.
1868 wurde er als Ehrenmitglied in die Münchner Künstlergenossenschaft aufgenom-
men, FKBA27009, fol. 3r–v.
1140 FKBA27009, fol. 1–4.
1141 Heiders Tochter Marie war mit dem gleichnamigen Sohn Georg Thaas verehelicht (vgl.
Abb. 35, Parte Georg von Thaas). Daher könnte dieser Kontakt zur Bibliothek zustande-
gekommen sein.
1142 FKBA27009, fol. 5r.
1143 Vgl. dazu Becker, Besuch, 450; sowie Monatversammlung, 95.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken