Seite - 363 - in Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918 - Metamorphosen einer Sammlung
Bild der Seite - 363 -
Text der Seite - 363 -
DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK UND DIE PRIVATBIBLIOTHEK FRANZ JOSEPHS 363
Kaum sind alle Planstellen der Bibliothek vollständig besetzt, kommt es
neuerlich zu Ausfällen. Bereits in der Jahresrückschau für 1876 bedauert
Becker den Stillstand bei der Bearbeitung der Kunstsammlung „durch die
schwere Erkrankung des Custos Carl Post, die bis auf den heutigen Tag
währt“.1178 Da das diagnostizierte Cerebralleiden einen vermuteten Aus-
fall bis zum Herbst 1877 zur Folge hat und durch die Unterbrechung „der
genauen Aufnahme und Bestimmung der Gegenstände der Kunst- und
Porträtsammlung für den […] Katalog eine Störung in der Gesamtarbeit
eingetreten ist“, bittet Becker im März 1877 darum, einen im Kunstfach ge-
schulten Hilfsarbeiter einstellen zu dürfen, um den Ausfall zumindest etwas
kompensieren zu können. Eine Aufteilung der Arbeit auf die übrigen Bib-
liotheksmitarbeiter sei deshalb nicht möglich, da diese ohnehin mit ihren
eigenen speziellen Aufgaben ausgelastet seien und darüber hinaus kunst-
historisches Wissen notwendig sei, worüber nicht alle verfügen würden. Vom
Direktor des österreichischen Museums für Kunst und Industrie, Rudolf
Eitelberger, sei ihm der junge Architekt Josef Kaiser1179 empfohlen worden,
den Becker bittet, ab April zu einem monatlichen Honorar von 50 fl. für die
Dauer des Ausfalls von Post einstellen zu dürfen. Die zur Fortführung der
Katalogarbeiten zweifelsohne notwendigen Maßnahmen werden von Franz
Joseph selbstverständlich genehmigt.1180
Zeitgleich kann Becker dem Kaiser auch die vollständige Einverleibung
der ferdinandeischen Bibliothek melden, im Zuge dessen auch die Aufgaben-
bereiche der Mitarbeiter umrissen werden. Der mittlerweile pensionierte
Georg von Thaa sei mit seiner Erfahrung bei der seinerzeitigen Aufstel-
lung und Katalogisierung des Bestandes in Prag eine wertvolle Hilfe bei der
Gesamtkoordination gewesen. Den Skriptoren Karpf und Schaffer ist die
schwierigste Arbeit, nämlich die Beschreibung der Werke und die Verteilung
des Standortes aufgetragen worden, wobei Schaffer diese Tätigkeit neben
seinen Kanzleiarbeiten und der ihm seit dem Ausfall Posts ebenfalls zuge-
teilten Kassaführung zu erledigen gehabt habe. Schließlich hätten auch die
Bibliotheksdiener Zörner und Elsner „alle mit der Dislocirung und Aufstel-
lung der Bücher und Portefeuilles verbundene[n] Arbeiten […] mit bestem
1178 FKBA28052, fol. 4r.
1179 Geboren am 20.02.1848 in Rakonitz (Klattau, Böhmen), Gymnasium in Prag, Besuch des
k. k. deutschen Polytechnikums (Ingenieurwesen und Architektur), zeitgleich Besuch von
Vorlesungen zu Kunstgeschichte und Archäologie an der Prager Universität, Unterricht
in der Zeichen- und Malkunst bei Emil Lauffer, durch seine Bekanntschaft mit Rudolf
v. Eitelberger erging an ihn die Einladung nach Wien, um sich dort zum Kustos eines
Kunstgewerbemuseums ausbilden zu lassen, vgl. FKBA28078, fol. 1v, bzw. seinen aus-
führlichen Lebenslauf fol. 3–4.
1180 FKBA28059.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken