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RESÜMEE 369
und noch weniger zu Ferdinand I. – geschweige denn zu Franz Joseph – je-
nes Vertrauensverhältnis aufbauen und damit jene Unterstützung erhalten,
die notwendig gewesen wäre, um die Interessen der Bibliothek im Sinne
einer progressiven Entwicklung und eines fortwährenden Wachstums wah-
ren zu können. Kurz gesagt, Khloyber fehlte der Status seines Vorgängers
Young. Er war aber auch nicht fähig, über ein verwaltendes Bewahren hin-
aus Visionen für diese Sammlungen im Hinblick darauf zu entwickeln, ihnen
abseits ihrer grundlegenden Funktion als rein privates Wissensrepositorium
eines Herrschers (und vielleicht noch einiger naher Familienmitglieder) mit
der Erschließung zusätzlicher Aufgabengebiete auch einen neuen und dau-
erhaften Sinn zu verleihen.
Demgegenüber war das Arbeitsvolumen nach 1835 nichtsdestotrotz
enorm. Die franziszeischen Bestände waren im Zuge der Ausstellung der
Fideikommissurkunde und der dafür notwendigen Inventarisierung sorg-
fältig und gänzlich zu revidieren. Parallel dazu hatte die ferdinandeische
Bibliothek nach den Standards der Zeit (erst)katalogisiert zu werden. Hier-
bei konnte man zwar auf Vorarbeiten zurückgreifen – die Dislozierung der
Ferdinandea und der nicht immer freie und ungehinderte Zugang zu den
Beständen verlangsamten diesen Prozess jedoch markant. Allgemeines Ziel
war lange Zeit die katalogmäßige wie physische Zusammenführung aller
Bestände. Letztere konnte jedoch durch die herrschende Platznot in den
Räumen der franziszeischen Bibliothek bis 1850 nicht realisiert werden.
Raumerweiterungsprojekte wurden in dieser Zeit zwar theoretisch ven-
tiliert, kamen jedoch nicht zur Ausführung, was teilweise sicherlich auch
auf Khloy
bers mangelndem Durchsetzungsvermögen und seinem fehlenden
Einfluss bei den maßgeblichen Hofbehörden zurückgeführt werden kann.
Die kaum nennenswerten räumlichen Zugewinne ermöglichten es gerade,
die meisten in Notquartieren untergebrachten franziszeischen Bestände mit
dem Hauptbestand zusammenzuführen.
1848 und die unmittelbaren Folgejahre stellen analog zur politischen
Geschichte Österreichs einen markanten Einschnitt in der Geschichte der
kaiserlichen Sammlungen dar. Die während der Regierungszeit Ferdinands
nicht zustande gebrachte schriftliche Ausfertigung des Fideikommissinstru-
mentes (Urkunde samt Inventaren) wird vom jungen Kaiser Franz Joseph
durch die Ausstellung der Urkunde 1849 zumindest teilweise realisiert.
Gleichzeitig übersiedelt mit dem abgedankten Kaiser Ferdinand 1850 auch
seine Privatbibliothek an dessen neuen ständigen Wohnsitz auf der Prager
Burg. Ihre Genese im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts konnte im Rah-
men des aktuellen Forschungsprojektes anhand der spärlichen Quellen zu-
mindest umrisshaft skizziert werden. Für Khloyber war dieser Abgang si-
cherlich ein großer Verlust. Er hatte zusammen mit seinen Untergebenen
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken