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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN372
nur an Vereinsmitglieder oder andere Institutionen verteilt wurden. Die Vo-
raussetzung für diese Maßnahmen war zunächst die genaue Kenntnis der
eigenen Bestände. In einem nächsten Schritt war es Beckers großes Anliegen,
die reichhaltigen Sammlungen einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit und
darüber hinaus auch den zahlreichen Mitgliedern der weitverzweigten Herr-
scherfamilie bekanntzumachen. Verwirklicht wurde dies durch einen groß
angelegten gedruckten Realkatalog, dessen Aufbau sich zwar an den Bedürf-
nissen des in Ausbildung befindlichen kaiserlichen Nachwuchses orientierte,
für den die Fideikommissbibliothek als Studienbibliothek genutzt wurde. Er
hatte aber hauptsächlich die Steigerung der Bekanntheit der Bibliothek(en)
zum Ziel, weshalb er auch an zahlreiche wissenschaftliche Institutionen, vor-
wiegend auf dem europäischen Kontinent, verschickt wurde.
Alle geplanten Reformen und Innovationen hatte Becker gleich bei
Dienstantritt in Form eines Arbeitsprogrammes zusammengefasst, das auf-
grund seines visionären Konzepts und seiner inhaltlichen Reife, gegliedert
in praktisch durchführbare und ökonomisch durchdachte Einzelmaßnah-
men, die Zustimmung sowohl der involvierten Behörden als auch Kaiser
Franz Josephs – auf dessen Initiative hin Becker ja vermutlich eingestellt
worden war – erhielt. Damit wurde das Vertrauensverhältnis gestärkt –
auch der Prager Beamten. Dieses manifestierte sich unter anderem in einem
viel breiteren Handlungsspielraum was die finanziellen Belange der Biblio-
thek betraf. Während Khloyber ein striktes jährliches Limit von 12.000 fl.
inklusive aller Personalkosten gesetzt war, welches man auch Becker bei
Amtsantritt als Maximum kommunizierte, stießen seine Bitten um zusätz-
liche Geldmittel in der Folgezeit in der Regel aber auf (bedingungslose) Zu-
stimmung. Schon in seinem Arbeitsprogramm forderte er etwa ein eigenes
Budget für die Bedürfnisse der Privatbibliothek Franz Josephs, und dies,
obwohl die Ankäufe zur Komplettierung der Fideikommissbibliothek konti-
nuierlich geringer wurden und die Ferdinandea in Prag finanziell überhaupt
keine Belastung mehr darstellte. Unter Khloyber wäre dies völlig undenkbar
gewesen. Auch die Sonderfinanzierung des Prestigeprojektes Realkatalog
wurde ohne nennenswerte (zumindest aktenkundig dokumentierte) Wider-
stände genehmigt. Der aufgrund Beckers plötzlichem Tod 1887 Torso ge-
bliebene Katalog erfüllte zwar seinen Primärzweck und verankerte die kai-
serlichen Privatbibliotheken im Bewusstsein einer wissenschaftlichen und
kulturellen Öffentlichkeit. Seltsamerweise waren aber jene Objekte, die als
Konsequenz daraus etwa von Anfang an und am meisten für Ausstellungen
beinahe weltweit angefragt wurden – die Huldigungsadressen – darin über-
haupt nicht verzeichnet.
Im Laufe der 1870er Jahre konstituiert sich die Sammlung in zwei Schrit-
ten schließlich zu jenem Umfang, in dem sie – mit einigen Ausnahmen – bis
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken