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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN414
lern ausgeführt. Dass dabei die österreichischen Länder vorzugsweise mit-
betheiligt seien, bedarf keiner Erwähnung, wiewol [sic] ich nicht verhehlen
kann, dass seit dem Tode weiland Seiner Majestät des Kaisers Franz auch
dieses Feld beinahe unbeachtet blieb. Hier aber hätte der Vorstand, wenn
er die Sache mit Verständnis und festem Willen anfasst, nach meinem Da-
fürhalten mit wenig Mitteln viel leisten können und – wenn ich das speci-
fisch vaterländische Interesse dieser Sammlung in Anschlag bringe, auch
leisten sollen. Viele solcher Bilder, die für die Culturgeschichte sehr wichtig
sind, finden sich in Privathänden unbeachtet und dem Ruin preisgegeben.
Es kommt nur darauf an, dass man für sie seine Privatbetriebsamkeit in Be-
wegung setzt und bei gegebenen Anlässen den rechten Augenblick erfasst. In
dieser Richtung muß der Vorstand im eigentlichen Sinne des Wortes Samm-
ler sein. Die Complettierung und Vermehrung der land[pag. 35]schaftlich
ethnographischen Sammlung scheint mir durch den Zweck der Bibliothek
gerechtfertigt129; sie wird nach den Versuchen, die ich in dieser Richtung
angestellt habe und bei dem Umstande, als die Zuflüsse in die allerhöchste
Privatbibliothek viel Beitrag liefern, ohne besondere Unterstützung bewerk-
stelligt werden.
Ad c. Die Lavater-Sammlung kam, wie ich oben angedeutet, aus der Ver-
lassenschaft des Grafen Fries um den Preis von 2000 fl – sie war auf 400 fl.
geschätzt worden – in den Besitz der Familienbibliothek. Sie besteht aus
887 theils größeren theils kleineren Portefeuilles mit 22100 Zeichnungen
und Kupferstichen, darunter 6229 theils gezeichnete, theils gestochene Por-
traits, insbesondere von Chodowiecki, Lips, Schellenberg, die meisten mit
Bemerkungen – in Hexametern – von Lavater’s Hand. Einen besondern
[sic] Theil bildet das physiognomische Lexicon, worin – in Umrissen auf
Cartons – die Typen einzelner Stände (Soldaten, Künstler, Schauspieler,
Mönche, Frauen u. s. w.), bestimmter Tugenden und Laster, Dummheit und
Weisheit, Hässlichkeit und Schönheit, die Leidenschaften, Caricaturen und
typische Figuren der Kunst, endlich einzelne Körpertheile, Gesichtsumrisse
so wie verschiedene Thiere mit Bemerkungen über ihre physiognomische Be-
deutung aufgenommen sind. Unter den Kupferstichen kommen Blätter nach
Albrecht Dürer, Rafael, Holbein und andern Meistern vor, unter den Hand-
zeichnungen tragen an 200 von Lavaters eigener Hand die Bezeichnung Alb-
recht Dürer, Rafael, Holbein, Andrea del Sarto, Guido Reni, van Dyck, Paolo
[pag. 36] Veronese, Rembrandt und Michel Angelo und dürften größtentheils
echt sein. Aus dem hier angedeuteten ergibt sich der kunsthistorische Wert
129 Unterstreichung mit Bleistift, „schaftlich ethnographischen“ zusätzlich mit rotem Buntstift
unterstrichen.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken