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BIBLIOTHEKSGESCHICHTE 453
Jahres einen Antrag auf Pensionierung Kaisers.66 Am selben Tag richtete
er aber noch ein zweites Schreiben an Kabinettsdirektor Braun betreffend
die Nachbesetzung der Kustodenstelle, das einige wertvolle Einblicke in die
Persönlichkeit von Alois Karpf gewährt und in dieser Beziehung auch auf-
schlussreich für spätere Entwicklungen ist. Aus der Darstellung und Argu-
mentation des Bibliotheksdirektors geht nämlich unzweideutig hervor, dass
er eigentlich Wenzel Schaffer als den geeigneteren Kandidaten für den zu
vergebenden Posten hielt. Dieser wäre vielseitig und praktisch verwendbar
und hätte in seiner bisherigen, achtjährigen Tätigkeit in der Sammlung
bereits einige verantwortungsvolle Aufgaben übernommen.67 Das galt für
Karpf offenbar nicht. Laut Becker war dessen Persönlichkeit dadurch ge-
prägt, dass er „zum abstrakten Gelehrtenthum hinneigt“, und „durch eine
gewisse Schwerfälligkeit im Denken, wo es sich um practische Dinge han-
delt“. Er würde geleitet von einer „minutiösen Aufmerksamkeit, […] sobald
er sich in ein Fach hineingearbeitet hat“. Deshalb wäre Karpf zwar „in sei-
nen Leistungen auf rein bibliographischem Felde vollkommen auf seinem
Platze“, könnte aber „nur im Falle der Noth und aushilfsweise zu anderen
Arbeiten verwendet“ werden.68 Das wirft bereits einiges Licht auf die Persön-
lichkeit von Alois Karpf und sollte später – in der Zeit, als er der Sammlung
vorstand – in verschiedener Hinsicht durchaus Bestätigung finden. Doch Be-
cker sah auch Positives: Karpfs Neigungen und Fähigkeiten könnten „mit
Vortheil verwerthet werden, da ein Repertorium biographischer Notizen für
eine Porträtsammlung, ein Repertorium der Monographien in Sammelwer-
ken für die Büchersammlung ein wichtiges und bisher schwer vermisstes
Hilfsmittel zur eigenen und fremden Orientierung bildet.“69 Tatsächlich hat
Karpf später an der Erstellung eines umfangreichen Apparates an Zettel-
katalogen zur Verschlagwortung verschiedener inhaltlicher Kategorien ge-
arbeitet, und es wäre aufgrund der eben zitierten Aussage denkbar, dass
die ursprüngliche Inspiration dazu von Becker ausging (vgl. Abschnitt 2.3.1).
Bevor wir dieses konzise Psychogramm des zukünftigen Kustos und Biblio-
theksleiters verlassen, muss noch erwähnt werden, dass jene Passagen in
Beckers Bericht, die die positiven Eigenschaften Karpfs hervorheben, von
fremder Hand mit verschiedenfarbigen Stiften angestrichen und zum Teil
auch am Rand mit Rufzeichen markiert wurden. Wie sich noch zeigen wird,
66 FKBA30085, fol. 1–2 u. 27r (Attest).
67 Becker nennt u. a. buchhalterische Tätigkeiten, die Führung von Korrespondenzen und die
Abfassung der Berichte an die Fondskassa und das Obersthofmarschallamt. (FKBA30087,
fol. 3r)
68 FKBA30087, fol. 2v.
69 FKBA30087, fol. 2v.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken