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BIBLIOTHEKSGESCHICHTE 455
anstelle von Karpf zum Leiter der Sammlung aufgestiegen. Der Umstand,
dass er nach der Übernahme der Direktion durch Zhishman ein sehr kri-
tisches Gutachten über die Arbeitsleistung seines nachrangigen Kollegen
verfasste, das er dem neuen Bibliotheksleiter übergab, deutet außerdem
darauf hin, dass das Verhältnis zwischen den beiden Kustoden nicht ganz
spannungsfrei war.72 Wie sehr hier die Konkurrenz zwischen ihnen dabei
ausschlaggebend war, lässt sich heute nicht mehr beurteilen. Dreieinhalb
Jahre später wendete sich das Blatt erneut.
Am 31. Jänner 1891 meldete die „Wiener Zeitung“ den Tod Schaffers am
23. des Monats mit der lapidaren Angabe „schwere Verletzung“ als Ursa-
che.73 Am 12. Februar wurde Alois Karpf daraufhin zum wirklichen Kustos
ernannt.74 Ein zufälliger Aktenfund gibt Aufschluss über die Umstände von
Schaffers Ableben. Am 19. Februar 1891 berichtete Karpf nämlich beiläufig
in einem Schreiben an den Lienzer Antiquar Rohracher:
„Von dem traurigen Schicksal unseres Collegen des Herrn Custos Schaffer
werden Sie vielleicht schon gehört haben. Eine Knotenbildung im Gehirn er-
zeugte bei demselben Wahnvorstellungen u. in einem unglücklichen Augen-
blick versuchte sich derselbe durch Revolverschüsse zu entleiben. Nach zehn
Tagen entsetzlichen Leidens erfolgte seine Erlösung. Wie tief ergriffen und
erschüttert wir alle waren vermag ich nicht zu schildern.“75
Mit Schaffers Tod rückte Karpf in die zweite Position hinter Direktor
Zhishman nach und konnte somit drei Jahre später nach dessen Tod als
ranghöchster Beamter mit der Leitung der Fideikommissbibliothek betraut
werden. Das hatte, wie wir noch sehen werden, weitreichende Folgen für das
soziale Gefüge und die Verhaltensdynamik innerhalb der Beamtenschaft der
Fideikommissbibliothek. Bevor ich jedoch auf diese Vorgänge zu sprechen
komme, müssen noch jene vier wissenschaftlichen Mitarbeiter vorgestellt
werden, die zwischen 1882 und 1884 in die Fideikommissbibliothek aufge-
nommen wurden.
72 FKBA31100, fol. 14–28; zum Inhalt dieses Berichtes und der darin geäußerten Kritik an
Karpfs Arbeitsleistung siehe Abschnitt 2.3.1.
73 Wiener Zeitung, Nr. 25 v. 31.01.1891, 10.
74 FKBA33006; Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5, Kt. 534, Z. 659 ex. 1891.
75 FKBA32005: Schreiben Karpfs vom 19.02.1891; In den Sterbematriken ist fälschlicher-
weise als Todesursache Lungenentzündung angegeben (Matriken Rudolfstiftung [Renn-
weg-Maria Geburt], Sterbebuch 1890–1893, fol. 75).
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken