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BIBLIOTHEKSGESCHICHTE 477
rakterisiert: „aus dem Anklagenden ist der Bibl. Leiter zu dem sich Verant-
wortenden geworden.“ Wenngleich die Schuldfrage bei kritischer Prüfung
der geschilderten Einzelheiten meines Erachtens keineswegs eindeutig
zu entscheiden ist, stand Karpf also zuletzt als Sündenbock da. Dass es so
kommen musste, hat eine ganze Reihe miteinander zusammenhängender
Gründe. Zunächst war wohl anfangs wirklich niemandem in der Bibliothek
klar, um welche Art von Publikation es sich handelte; und das muss wohl
auch an mangelnden oder irreführenden Informationen von Seiten des Ver-
lags gelegen haben. Zweitens ist augenscheinlich, dass das Verhalten und
die Kommunikation der Mitarbeiter Karpfs gegenüber ihrem Vorgesetzten
nicht gerade von Respekt geprägt waren. Es herrschten, wieder nach Hawer-
das Diktion, „die allerdings längst bekannten anarchistischen Zustände im
Beamtenkörper der Fam. Fid. Bibliothek“. Unter diesen Umständen ist es
denkbar, dass Karpf ohne näheres Wissen seine Zustimmung zu einer nach
seiner damaligen Einschätzung unbedenklichen Veröffentlichung gab. Auch
der Trubel und die zusätzlichen Belastungen, die die im vorliegenden Kon-
text immer wieder erwähnte Übersiedlung des Jahres 1903 mit sich brachte,
mögen das ihre dazu beigetragen haben, dass die unglückliche Entscheidung
getroffen wurde. Diese allein hätte ohne die panische Reaktion Karpfs aber
wohl gar keine Konsequenzen gehabt. Und die Eigenart und die Tendenz
dieser Konsequenzen hingen schließlich von der Struktur und der Dynamik
des psychosozialen Gefüges zwischen den beteiligten Personen ab: Während
Karpf die Aussagen seiner Mitarbeiter getreu und naiv weiterleitete, ohne
sie zu bewerten, und außerdem für sie belastende Details verschwieg, ist die
illoyale Tendenz im Verhalten jener (v. a. Schnürers) gegenüber ihrem Vorge-
setzten kaum zu verkennen. Der Umstand, dass Schnürer das Vertrauen von
Generaldirektor Chertek genoss und Einfluss auf diesen nehmen konnte,
verlieh seiner Argumentation natürlich den nötigen Rückhalt. Im Gegensatz
dazu schwächte die Abneigung Cherteks gegenüber Karpf dessen Position
erheblich, zumal dieser mit großer Unsicherheit darauf reagierte. Letztend-
lich muss man im Hinblick auf die vorliegende Angelegenheit feststellen,
dass die Untersuchung nicht fair abgelaufen ist. Schnürer hatte gegen seine
Instrumentalisierung als Autor offensichtlich nichts unternommen, wurde
aber dafür nicht zur Rechenschaft gezogen, obwohl damit nicht nur ein Miss-
brauch seines Namens, sondern auch jenes der Bibliothek und die Nennung
eines falschen Titels verbunden waren („Bibliothekar der Allerh. Privatbib-
liothek Sr. Majestät des Kaisers von Österreich“).160
160 Bemerkenswert ist außerdem, dass Karpf in seinem Bericht vom 04.05.1906 (vgl. Anm.
159) lediglich angibt, dass Jureczek aussagte, kein Gehalt erhalten zu haben.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken