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BIBLIOTHEKSGESCHICHTE 489
Bild‘“ kreisen. Der vom Generaldirektor intendierte Zweck der Denkschrift,
der uns im vorliegenden Zusammenhang allein interessiert, war jedoch die
Legitimation der Reduktion des wissenschaftlichen Personals auf zwei Be-
amte. Einer von ihnen sollte für die Bücher-, der andere für die Porträt- und
Kunstsammlung zuständig sein, womit die Kompetenzen auf die beiden
Hauptbestände der Fideikommissbibliothek aufgeteilt wären. Ein Kanz-
list ohne Hochschulbildung sollte indes die Kanzleiarbeiten besorgen und
bei weniger anspruchsvollen Tätigkeiten in den Sammlungen (v. a. bei der
Katalogisierung) aushelfen. Einem der beiden Beamten musste naturgemäß
die Leitungsfunktion in der Fideikommissbibliothek zukommen; und obwohl
dies nirgendwo in Schnürers Memoire explizit festgeschrieben ist, so geht
daraus doch zwischen den Zeilen hervor, dass damit der zukünftige Vorste-
her der Büchersammlung, also Schnürer selbst, betraut werden sollte. Es
ist bei dieser Auslegung auch nachvollziehbar, dass er eine deutlichere Be-
tonung der Leitungsfunktion in der Titulatur des damit betrauten Beamten
forderte: Vorstand, Bibliothekar oder Direktor anstelle von Kustos.202
Mit dem Exposé aus der Generaldirektion vom 15. Mai wurden die Aus-
führungen Schnürers weiter ausgearbeitet und begründet und damit bereits
die Weichen für die künftige Neu-Organisation der Fideikommissbibliothek
gestellt.203 Grundlegend war zu diesem Zeitpunkt die Absicht, das Perso-
nal zu reduzieren, und zwar genau nach der von Schnürer vorgeschlagenen
Weise: zwei Beamte, die jeweils für die beiden Hauptteile der Sammlung zu-
ständig sein sollten und von denen einer die Leitungsfunktion ausüben sollte
als „Vorstand“ oder „Director“; der andere sollte den Titel „Custos“ führen.
Des Weiteren waren ein Kanzlist und zwei Diener vorgesehen. Gerechtfer-
tigt sah man die damit einhergehende Reduktion des wissenschaftlichen
Personals durch den Umstand, „daß die derzeitigen 4 Conceptsbeamten
[Karpf, Jureczek, Schnürer, Hodinka] […] reichliche Zeit für anspruchsvolle
Nebenbeschäfiggn. gefunden haben“ und somit in ihrer Tätigkeit unterfor-
dert zu sein schienen.204 Dass der Beamtenkörper der Fideikommissbiblio-
thek an sich zu groß war, wäre laut Exposé schon vor längerer Zeit erkannt
worden; doch hätte man bisher von einer Verringerung deshalb abgesehen,
weil sie angesichts zweier, in den vorangegangenen Jahren diskutierter Pro-
jekte nicht geraten schien: die Errichtung eines Habsburgermuseums, das
durch die im „Exposé“ mehrfach betonte „Eigenart einer Haussammlung“,
202 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5, Kt. 537, Z. 4681 ex. 1906: Denkschrift Schnürers
zur „Neusystemisierung des Beamtenstatus“ v. 04.04.1906.
203 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5, Kt. 537, Z. 4681 ex. 1906: 22-seitiges, unpaginier-
tes „Esposé“ von Franz von Hawerda-Wehrlandt v. 15.05.1906.
204 Ebenda, [pag. 10].
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken